„Politik ist immer emotional“, betont Lauren Berlant. Die amerikanische Literatur-wissenschaftle­rin und Queertheoretikerin bezeichnet Politik als den Schauplatz, auf dem sich gegensätzliche Interessen in einer Rhetorik manifestieren, die Phantasien nährt oder Menschen an den Traum eines besseren Lebens bindet. Doch nicht nur die Bedeutung von Affekten und Emotionen im Bereich der Realpolitik, sondern in gesellschaftlichen Machtver­hältnissen generell rückte in letzter Zeit verstärkt in den Fokus wissenschaftlicher und künstlerischer Disziplinen. Auch unter dem Einfluss der sogenannten affektiven Neurowissenschaften werden Emotionen dabei nicht länger als Gegensatz zur Kognition begriffen; sie erscheinen vielmehr als dessen notwendiger und unvermeidlicher Partner.
 
Gerade in aktuellen politischen Ereignissen scheinen Emotionen als Währung – beispielsweise für restitutive und reaktionäre Ausgrenzungs-und Abschottungs-bemühungen – hoch im Kurs zu stehen. Das cx centrum für interdisziplinäre studien nimmt dies zum Anlass, fast zwei Jahrzehnte nach der ersten Proklamation eines „Affective Turn“ das Thema Affekte und Emotionen als bedeutende zeitgemäße Analysekategorie des Sozialen wieder aufzugreifen. Die sechste Vortragsreihe des cx konzentriert sich in diesem Zusammenhang ins­besondere auf das gegenwärtige Verhältnis von Macht und Emotionen, wie in den emotional gesättigten Machttechniken von Glücksversprechen, heraufbeschworenen Angstszenarien und Wutausbrüchen, aber auch in der eher positiv bewerteten Macht von Empathie und Solidarisierung. Sie fragt nach dem Einfluss der medialen Vermittlung von Emotionen und affektiven Gestimmtheiten, nach potentiell neuen Kräfteverhältnissen durch eine Maschinisie­rung von Affekten und erforscht aktuelle künstlerische und gestalterische Reflexio­nen und Dekonstruktionen emotionaler Regime. Im Anschluss an prominente Stimmen des Affektdiskurses, wie beispielsweise Brian Massumi, differenziert die Vortragsreihe zwischen Affekt als Veränderung der Handlungsmacht eines Körpers, die durch ein Zusammentreffen mit anderen Körpern, dessen Energien und Intensitäten, hervorgerufen wird, und Emotion als so­zialem Phänomen und psychologischer Erfassung eines Affekts. Da diese schillernden Be­griffe jedoch je nach Disziplin und Theoretiker/in unterschiedlich interpretiert und eingesetzt werden, sind ihre Differenzen und Übergänge von Panel zu Panel immer wieder aufs Neue zu bestimmen.
 
 
Interdisziplinäre Vortragsreihe
 
Ort A.EG.15 (historische Aula), Akademiestr. 2
und Kammerspiele, Kammer 3, Hildegardstraße 1 (Panel „Affektive Atmosphären“)
bzw. Kammer 1, Maximilianstraße 26-28 (Panel „Wut und (Ohn)Macht“)
Zeit jeweils Dienstag um 19.00 Uhr, mit Ausnahme der ersten beiden Veranstaltungen am 02.11. und 09.11. (Donnerstag) und des letzten Panels am 02.02.2018 (Freitag)
 
 
02.11.2017: Am Anfang war die Emotion
Antonio Damasio
 
09.11.2017: Emotionale Terrains des Sozialen
Deborah Gould
 
21.11.2017: Medial mobilisierte Affekte
Marie-Luise Angerer, Cécile B. Evans
 
28.11.2017: Struktur der Emotionen
Keren Cytter
 
05.12.2017: Affektive Atmosphären
Ben Anderson, Jace Clayton
 
12.12.2017: Politik der Angst
Serhat Karakayalı, Yael Ronen
 
09.01.2018: Empathie und Gerechtigkeit
Susanna Hertrich, Carolyn Pedwell
 
02.02.2018: Wut und (Ohn)Macht
Eva Illouz, Milo Rau
 

Die Panels „Affektive Atmosphären“, „Politik der Angst“ und „Wut und (Ohn)Macht“ finden in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen (Christoph Gurk) statt.

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