3. Vortrag | Exzess als kapitalistisches Prinzip | Vandana Shiva
Datum & Uhrzeit: Mi | 20.11.2019 | 19:00 Uhr
Ort: Alte Aula | Altbau der Akademie, EG


20.11.2019 | Excess as Capitalist Principle

Vandana Shiva, Physikerin, Umweltaktivistin und Autorin I physicist, environmental activist and author, Delhi/Dehradun

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt. Den Abend moderiert Christof Mauch, Direktor des Rachel Carson Centers.

In ihrer aktivistischen Arbeit und ihren zahlreichen Publikationen kritisiert Vandana Shiva seit Jahrzehnten die kapitalistische Obsession mit dem Wachstum sowie ein exzessives Anwachsen von Geldströmen, die von wahren Werten abgetrennt sind. Sie diagnostiziert eine unersättliche „Gier nach Ressourcen und Profit“, die „gegen das Leben selbst gerichtet ist“, und fordert auf, sich auf alternative Erzählungen zu besinnen – auf „die Geschichte eines alternativen Denkens und Handelns, einer alternativen Produktion und Versorgung“, die dem gegenwärtigen „Krieg gegen die Erde“ geopfert wurde.

Vandana Shiva ist Physikerin, Umweltaktivistin und Schriftstellerin. Sie lebt und arbeitet derzeit in Delhi und ist Autorin von über 300 Aufsätzen in führenden wissenschaftlichen Zeitschriften und Fachjournalen. Darüber hinaus verfasste Shiva  mehr als 20 Bücher, darunter Making Peace With The Earth (Pluto Press, 2013) und Biopiracy: The Plunder of Nature & Knowledge (South End Press, 1999). In den 1970er Jahren nahm Shiva an der gewaltfreien Chipko-Bewegung teil. Die Bewegung, in der sich vor allem Frauen engagierten, wählte die Taktik, Bäume zu umarmen um zu verhindern, dass diese gefällt wurden. Sie ist (neben Jerry Mander, Edward Goldsmith, Ralph Nader, Jeremy Rifkin u.a.) eine der Leiter_innen des Internationalen Globalisierungsforums und eine Vertreterin der globalen Solidaritätsbewegung, die als Altermondialismus-Bewegung bekannt ist. Sie hat für die Weisheit vieler traditioneller Praktiken plädiert, was auch aus dem Interview mit ihr in Vedic Ecology (Ranchor Prime, 2002) hervorgeht, ein Buch, das sich auf das vedische Erbe Indiens bezieht. 1993 wurde ihr der Right Livelihood Award verliehen, der auch als alternativer Friedensnobelpreis bekannt ist.

Alle Termine der Vortragsreihe s.u.

 

Mit seinem achten Jahresthema untersucht das cx centrum für interdisziplinäre studien den Exzess als unverkennbares Merkmal unseres neoliberalen Wirtschaftssystems, adressiert jedoch auch positive Aspekte entgrenzender Ausschweifungen, die als Verweigerung rationaler und ökonomischer Verwertungsstrategien verstanden werden können. 
Die internationale Vortragsreihe, die das neue Jahresthema eröffnet, vereint künstlerische, gestalterische und wissenschaftliche Ansätze, die sich mit exzessiven Prozessen und Verhaltensformen sowie deren Folgen beschäftigen. Sie diskutiert die Überforderung des Einzelnen durch ständige Vernetzung, Informationsüberflutung und Selbstoptimierung und setzt sich mit der kulturellen Verwaltungsproblematik unmäßig angesammelter Dinge auseinander. Sie analysiert darüber hinaus das komplexe Verhältnis von Überfluss und Knappheit, beleuchtet mögliche Auswege aus den Wachstumsexzessen sowie die Potentiale ekstatischer Überschreitungen.
Das Exzessive scheint dem Kapitalismus inhärent. Letzterer setzt bekannter Maßen auf Wachstum, das durch die Beförderung stets neuer Begehren und eine steigende Nachfrage garantiert werden soll, und tendiert zur chronischen Überproduktion. Die dekadente Wucherung der Dinge und Effizienzoptimierung von Körpern finden ihre Entsprechung in der gegenwärtigen exponentiell ansteigenden Zirkulation von Informationen, Daten und Affekten durch die digitalen Kommunikationstechnologien.
In medialen Exzessen ringen Botschaften um Deutungshoheit und die Aufmerksamkeit ihrer Adressat_innen und setzen in diesem Kampf eine Eskalation weiterer subtiler Dynamiken der gegenseitigen Übertrumpfung in Gang. Als Folgen solcher Exzesse diagnostizieren Wissenschaftler_innen und Künstler_innen immer häufiger Zustände von Überforderung und Erschöpfung, die nicht mehr nur auf das Individuum und den Körper bezogen sind, sondern angesichts versiegender Energiequellen sowie der Zerstörung und Vermüllung der Erde mittlerweile als planetarische Phänomene verstanden werden können. In künstlerischen und wissenschaftlichen Disziplinen zeichnen sich jedoch auch erste Exit-Strategien ab.

Dabei scheint nicht zuletzt überprüft zu werden, inwiefern dem Exzessiven selbst die Möglichkeit der Widerständigkeit innewohnt.

Vortragsreihe des cx centrum für interdisziplinäre studien Akademie der Bildenden Künste München in Kooperation mit dem Rachel Carson Center for Environment and Society, LMU München WS 2019/20

 


Weitere Termine:

Dienstag 29.10.2019: Konsum als Obsession
Gerda Reith, Ashkan Sepahvand

Mittwoch 20.11.2019: Exzess als kapitalistisches Prinzip
Vandana Shiva

Dienstag 26.11.2019: (Im)Materialien der Exzesse
Hans Block, Moritz Riesewieck

Dienstag 03.12.2019: Verwaltung der Massen
Sharon Macdonald

Dienstag 10.12.2019: Exzess, Gender, Rassifizierung
Luiza Prado de O. Martins, Amber Jamilla Musser

Mittwoch 08.01.2020: Exzess und Ekstase
Gisèle Vienne, Jules Evans


Donnerstag 23.01.2020: Überfluss und Knappheit
Daniel Fernández Pascual und Alon Schwabe, Jeremy Till






Vorangegangene Termine:

23.10.2019 | Exzess und Entwertung | Excess and Devaluation

Silvia Federici ist eine langjährige feminstische Aktivistin, Lehrerin und Autorin. Sie gehörte 1991 zu den Gründungsmitgliedern des Committee for Academic Freedom in Africa und war in der Antiglobalisierungsbewegung und der Bewegung gegen die Todesstrafe aktiv. Federici ist Autorin einer Vielzahl von Artikeln in den Bereichen politische Philosophie, feministische Theorie, Kulturwissenschaft und Erziehung.

Zu den von ihr publizierten Büchern gehören unter anderem Revolution at Point Zero (September 2012); Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (2004/2012); A Thousand Flowers: Social Struggles Against Structural Adjustment in African Universities (2000, Mitherausgeberin); und Enduring Western Civilization: The Construction of Western Civilization and its ‘Others’ (1994, Herausgeberin). Ihr neustes Buch Re-enchanting the World: Feminism and the Politics of the Commons (2018) liefert von einer feministischen Perspektive aus eine detailierte Geschichte und Kritik der Politiken der Almende. Sie ist emeritierte Professorin an der Hofstra University (Hempstead, New York).

 

Amy Franceschini ist die Gründerin von Futurefarmers, einer Gruppe von Künstler_innen, Aktivist_innen, Landwirt_innen und Architekt_innen. Ihr gemeinsames Interesse ist es, Rahmenbedingungen für Partizipation zu gestalten, die unseren kulturellen Kompass neu ausrichtet. Futurefarmers nutzen verschiedene Medien, um Situationen zu inszenieren, die den gewohnten Apparat zerlegen – beispielsweise die öffentliche Ordnung, Stadtplanung, Bildungspläne und öffentliche Verkehrsmittel. Sie schaffen relationale Skulpturen und Werkzeuge für diejenigen, die Einblicke in Forschungsgebiete gewinnen möchten – nicht nur, um sich den Wandel an den Orten, an denen wir leben, vorzustellen, sondern auch um an diesem teilzunehmen und ihn zu initiieren. Franceschinis Arbeiten wurden unter anderem im Guggenheim Museum in New York, auf der Whitney Biennale in New York, im MOMA, im San Francisco Museum of Modern Art, im Canadian Center for Architecture in Montreal und auf der 2014 Venice Architectural Biennale ausgestellt.

Sie erhielt das Guggenheim Fellowship 2010 und war 2019 Rome Prize Fellow in Design. Sie hat einen Master of Fine Arts in New Genres von der Stanford University (2002) und einen Bachelor in Fine Arts in Fotografie von der San Francisco State University 1992).

 

Jason W. Moore ist ein Umwelthistoriker und historischer Geograph an der Binghamton University, wo er als Professor für Soziologie unterrichtet.

Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen als Autor und Herausgeber zählen Capitalism in the Web of Life (Verso, 2015), Anthropocene or Capitalocene? Nature, History, and the Crisis of Capitalism (PM Press, 2016) und, mit Raj Patel, A History of the World in Seven Cheap Things (University of California Press, 2017). Seine Bücher und Aufsätze zur Umwelthistorie, Kapitalismus und Sozialtheorie wurden vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Alice Hamilton Prize of the American Society for Environmental History (2003), dem Distinguished Scholarship Award of the Section on the Political Economy of the World-System (American Sociological Association, 2002 für Aufsätze, und 2015 für Web of Life), und dem Byres and Bernstein Prize in Agrarian Change (2011). Moore koordiniert das World-Ecology Research Network.

 

 

29.10.2019 | Gerda Reith und Ashkan Sepahvand | „Konsum als Obsession“ 

In ihrem Anfang 2019 veröffentlichten Buch “Addictive Consumption” analysiert Gerda Reith die Machtmechanismen und unablässigen Widersprüche innerhalb des Konsumkapitalismus, der “gleichzeitig Exzess und Begehren produziert sowie Selbstkontrolle und Beherrschung verlangt“. Ihr Vortrag in München wird an die wichtigsten Thesen dieses Buches anschließen und aufzeigen, wie der Kapitalismus einerseits die globale Expansion des Massenkonsums vorantreibt, andererseits aber die Aufmerksamkeit weg vom „Gemeinwesen hin auf den (defekten) Körper des individuellen Konsumenten lenkt, der sowohl als Quelle des Problems als auch dessen Lösung“ bestimmt wird.

In seiner performativen Lesung „Everything I know about technocapitalism, I learned at Berghain” beschreibt Ashkan Sepahvand den bekannten Berliner Technoclub Berghain als Kosmologie des Exzesses und des praktizierten Technokapitals. Es ist nach Shepahvand eine Welt der Techno-Mutanten, die einer ambivalenten Zukunft entgegenstreben – einer Zukunft in der in exzessiver Weise nur noch reine Freude und pure Lust akkumuliert wird. Seine Münchner Präsentation denkt solche Exzesse neu und fragt:
„What is too much? Am I too much? Am I doing enough? Did I take too much? Have I had enough? Intense. Chaotic. Am I an imposter? Am I lying to myself? Junkie faggot whore. Techno trash loser. Am I a victim? Am I special? There are a lot of voices in my head. I try to calm them down, so I can think clearly. But each has something to say and in its own way. I am working with these voices. I am recovering from many years of addiction and excess. Intensity-junkie. I am reorienting my compulsions, habits, and fixations. It's still too much. Perhaps there's something in this. Too-much-ness as a queer way of being, doing, making. Once a junkie, always a junkie.“

Gerda Reith ist Professorin für Sozialwissenschaften an der Universität Glasgow. Sie forscht und schreibt über Themen wie Sucht, Risiko und Exzess und deren Bezug zu Verhalten und Kontrolle in globalen Konsumgesellschaften. Ihr besonderes Interesse gilt den sozialen und kommerziellen Determinanten des Glücksspiels und dem Verhältnis zwischen dem Schaden, der durch Glücksspiel verursacht wird, und sozialen Ungleichheiten sowie der Gesundheit der Bevölkerung.

Reiths Forschung wurde von einer Vielzahl an akademischen, staatlichen und gemeinnützigen Organisationen gefördert, darunter der Economic and Social Research Council (ESRC), der Medical Research Council (MRC) und das National Institute for Health Research (NIHR).

Für ihr Buch The Age of Chance: Gambling in Western Culture (Taylor & Francis, 1999) erhielt sie 2000 den Philip- Abrams Prize für das beste Buch aus der Soziologie. In ihrer zuletzt erschienenen Monografie Addictive Consumption: Capitalism, Modernity and Excess (Routledge, 2018) stützt sie sich sowohl auf Ideen zu Konsum wie auch zu Sucht, um Fragen zu Identität und Begehren, Exzess und Kontrolle, Vernunft und Regellosigkeit im Kontext der kapitalistischen Moderne zu untersuchen.

 

Ashkan Sepahvand ist ein in Teheran geborener Schriftsteller und künstlerischer Forscher, der in Berlin und im englischen Oxford lebt und arbeitet. 2018–19 war er Gastdozent an der Hochschule für Künste Bremen. 2016–17 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schwulen Museum*, wo er die Ausstellung Odarodle – an imaginary their_story of naturepeoples, 1535–2017 kuratierte, sowie am Haus der Kulturen der Welt (2012–14), wo er die Publikation Textures of the Anthropocene: Grain, Vapor, Ray (The MIT Press, 2015) mitherausgegeben hat. 2010 gründete er gemeinsam mit Natascha Sadr Haghighian das Institut für inkongruente Übersetzung als Rahmenstruktur für ihre gemeinsamen Untersuchungen. Zu letzteren zählen etwa die Projekte seeing studies (2010–12) und Carbon Theater (2016–fortdauernd).

Sepahvands Werke und Schriften wurden unter anderem auf der 58. Biennale von Venedig, der dOCUMENTA (13), den Sharjah Biennalen X & 13, der Gwangju Biennale 11, in der Ashkal Alwan (Lebanese Association for Plastic Arts), im Sursock Museum und im ICA London gezeigt. Derzeit arbeitet er an einem DPhil in Fine Art an der Ruskin School of Art und St. John’s College, University of Oxford, wo er Clarendon-AHRC Scholar ist.

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.