Das Potosí Prinzip
Datum & Uhrzeit: Mi | 27.01.2021 | 18:00 Uhr
Ort: online, https://www.gotomeet.me/klassewermers

 

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war Potosí eine der größten Städte der Welt – vergleichbar mit London oder Paris. Die Arbeit in den Minen, die Schätze von Gold und Silber, die nach Europa verschifft wurden, initiierten dort einen so enormen Akkumulationsschub, dass dieser als der Beginn des modernen kapitalistischen Systems gesehen werden kann. Im Zuge der Gegenreformation setzte die kolonial-ökonomische Dynamik auch eine Massenproduktion von Bildern frei, nicht nur in Spanien, sondern auch im Vizekönigreich Peru selbst. 2010 kuratierte Alice Creischer zusammen mit Andreas Siekmann und Max Jorge Hinderer die Ausstellung „Das Potosí-Prinzip“. Diese zeichnete den damals entstandenen Kreislauf aus Geld und Kunst nach. Gemälde des „Andinen Barock“ stellten im Dialog mit aktuellen künstlerischen Arbeiten einen Bezug zur Gegenwart her: zu Wanderarbeitern in China, die das dortige Wirtschaftswunder ermöglichten oder zu Wirtschaftsmacht Dubai, die sich – mit Hilfe europäischer Kulturmanager – als Kunstmetropole neu erfinden möchte. Die Ausstellung entwickelte ein ganz eigenes Installationssystem. Um der musealen Entkontextualisierung, der Ästhetisierung durch den „White Cube" zu entkommen, wurde kein Bild in traditioneller Weise an die Wand gehängt. Die Ausstellung fand im Reina Sofia Madrid und im Haus der Kulturen der Welt Berlin statt.

 

Der Vortrag findet im Rahmen von Undermining & Oversharing statt, einem Ausstellungsprojekt der Klasse Wermers & friends in der Galerie der Stadt Schwaz im Mai 2021. Ausgehend von der historischen Prägung der Stadt Schwaz durch den Silberabbau und dem Fokus der Klasse auf die Reflexion von Material und den sozioökonomischen Bedingungen unter denen es hervorgebracht wird, will die Ausstellung einen Rahmen schaffen, in dem sich die Studierenden mit der Politik des Abbaus von Ressourcen und damit zusammenhängenden Themen auseinandersetzen. Gleichzeitig sollen Parallelen zu jüngeren Phänomenen des „minings“ ausgelotet werden, speziell zu der „digital economy“ inhärenten Extraktion von Daten und persönlichen Informationen zur Generierung von Profit. 

 

Alice Creischer (1960) studierte Philosophie und Literatur sowie bildende Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf. Creischer setzt sich in ihren Arbeiten mit Themen wie Wirtschaft und Geld, Macht und Machtlosigkeit oder Armut und Reichtum auseinander. 2002 kuratierte sie zusammen mit Andreas Siekmann die Ausstellung Gewalt ist der Rand aller Dinge / Violence on the Margin of All Things in der Generali Foundation Wien. 2006 erhielt sie den norwegischen Edward-Munch-Preis für Gegenwartskunst, woraufhin eine Einladung zur documenta 12 folgte. Creischer publiziert außerdem in Zeitschriften wie "springerin", "Texte zur Kunst" und "ANYP". Sie lebt und arbeitet in Berlin und Buenos Aires.

 

Andreas Siekmann ist ein deutscher Künstler, der in Berlin lebt und arbeitet. In seinen Werken beschäftigt er sich mit Fragen der Ökonomisierung des öffentlichen Raums und der sie legitimierenden Rhetorik. Im Zentrum seines Interesses stehen dabei die Privatisierung des urbanen Raums, das Verständnis der Stadt als Anlageobjekt und die Produktion globalisierter Arbeitsteilung. Siekmann arbeitet mit verschiedenen Medien, darunter Zeichnung, Malerei, Film, Objekten und Interventionen im öffentlichen Raum. Er publiziert regelmäßig in den Zeitschriften "Springerin" und "Texte zur Kunst". Gemeinsam mit Alice Creischer realisierte Siekmann kuratorische Projekte wie Das Potosi Prinzip, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid (2010), Haus der Kulturen der Welt, Berlin, Museo Nacional de Arte, La Paz, (2011); Exargentina – Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun, Museum Ludwig Köln (2004), Palais de Glace Buenos Aires (2006); Die Gewalt ist der Rand aller Dinge, Generalo Foundation (2002) in Wien. Andreas Siekmann hatte diverse Einzelausstellungen, unter anderem im LWL Musuem, Münster (2016); Museum Abteiberg, Mönchengladbach (2012); Gustav-Lübcke-Museum, Hamm (2010); Portikus, Frankfurt (1999); Galerie Barbara Weiss, Berlin (2017, 2014, 2008 u.a.). Seine Arbeit war Teil der International Biennial of Contemporary Art of South America, Buenos Aires (2017); der 13. Istanbul Biennale (2013); der Documenta 12 (2007) und Documenta 11 (2002); sowie der 50. Venedig Biennale (2003).

 

Der Vortrag wird in deutscher Sprache stattfinden und ist für alle Studierenden offen.