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4 KünstlerInnengespräche mit Michael Hofstetter

4. Gespräch Verena Frensch: Isenheimer Altar
MI 14.12.16 | 19:00 Uhr

Raum Auditorium im Neubau | Akademiestr. 4

 

 

Im Rahmen von transform – Lehrerfortbildung an der Akademie München

"In der Kunst wird heißer gegessen als gekocht!", das heißt für Hofstetter:
Die Propaganda der erfolgreichen Künstler und deren Kritiker ist meist radikaler
als die Werke selbst. Die Künstler, die wirklich heiß kochen, machen Werke, die
zwar radikal, aber nicht anschlussfähig sind. Aber vielleicht führen sowohl
Radikalität als auch Anschlussfähigkeit die Kunst in eine Sackgasse?
Die vier Abende werden die Problematik der Produktion im Lichte der Rezeption
beleuchten und viele Erwartungen und Rollenklischees ansprechen –auch die
Einhegung der Kunst durch die Historisierung.

Den Auftakt der vier KünstlerInnengespräche macht Bernhard Helzel mit seiner
Examensarbeit an der Akademie München aus dem Jahre 1995. Bernhard Helzel hat
sein Studium mit Ausführungen von Konzeptkunstwerken von Künstlern wie Lawrence
Weiner oder Daniel Buren finanziert. Er realisierte deren Werke auf der Grundlage
von zugesandten Faxmitteilungen in spezifischen Ausstellungssituationen. Für
seine Examensarbeit wählte er drei dieser Auftragsarbeiten aus und führte sie
mit dem Einverständnis der Autoren nochmals in der Akademie München aus.
Die Reaktionen der Prüfungskommission reichten von Begeisterung bis zur
völligen Ablehnung.
Diese Examensarbeit stellt Michael Hofstetter bewusst an den Anfang seiner
Gesprächsreihe, um zusammen mit Bernhard Helzel das Terrain abzustecken, worum
es in der Kunst ganz pragmatisch geht, aber auch, worum es in der Kunst gehen
könnte.

 

Bernhard Helzel: Im Dienst der freien Kunst
Mi. 23. Nov. 19 Uhr im Auditorium

Gespräch mit Stephan Conrady: Idyllen
Mi. 30. Nov. 19 Uhr im Auditorium

 

Conradys Bilder zeigen uns nicht nur das Dilemma des ausgeleuchteten und veröffentlichten Menschen, sondern führen es auch vor. Denn die notwendige Blindheit, die man zum Leben braucht, braucht man auch zum Malen. Was tun, wenn man den angebotenen Verfahren, also den selbstreferentiell-autonomen oder den erzählend-subjektiven, den abstrakten oder figurativen, wenn man all diesen im Bestand der Malereigeschichte vorliegenden Verfahren mißtraut und doch nur diese zur Verfügung hat? 

Gespräch mit Barbara Spaett: Lost Paradise
Mi. 07. Dez. 19 Uhr im Auditorium

 

Barbara Spaetts Werke verrechnen ständig Text und Kontext. Sie sind nicht nur parasitäre Einschreibungen in Konventionen und Werturteile des Kunstbetriebs, die sie im selben Moment wieder preisgeben, sondern sie verhandeln auf subversive Weise die ganze symbolische Ordnung, in der sie erscheinen. So wie ihre Namenspatronin, die heilige Barbara, die aus dem binären System der abendländischen Logik aussteigt und deren Doppeläugigkeit und Doppelsichtigkeit durch ein drittes Fenster in ihrem Turm erweitert, fügt Spaett ihren Arbeiten ein drittes Auge hinzu. Eines, das die ersten beiden aussetzt, aber nicht ersetzt.
Die große Erzählung ist zu Ende. Aber nicht nur wir Betrachter haben das Problem, in welcher Anwaltschaft wir vor ein Kunstwerk treten sollen, auch ein Künstler hat keine fraglos gegebene Rolle mehr, mit der er in die Welt treten kann. Eine Künstlerin noch viel weniger. Alles, was wir haben, ist geborgt aus den Trümmern einer Geschichte, die uns vor langer Zeit die Illusion gegeben hat, die Menschheit würde sich linear entlang einer alles umfassenden Erzählung auf ein gutes Ende hin entwickeln. Aus all diesen Fundstücken basteln wir unsere eigene kleine Geschichte, einen prekären Entwurf, nicht für die Ewigkeit bestimmt, sondern für die kurze Dauer bis zum nächsten Entwurf. Hier treten wir gleichzeitig auf als Priester und Narr und, im Falle von Barbara Spaett, als Priesterin und Närrin.

 


Gespräch mit Verena Frensch: Isenheimer Altar
Mi. 14. Dez. 19 Uhr im Auditorium

 

Verena Frensch, Retable 20, (Eine Überschreibung des Isenheimer Altars)

… Auch der Isenheimer Altar war ein Endzeitaltar. Das Kloster Isenheim war
damals ein Krankenhaus und Hospiz für Patienten, die an Pest, Cholera, Lepra,
Syphilis erkrankt, ausgestoßen und dem Tode geweiht waren; aber auch ein Ort, an
dem Wahnsinnige gepflegt wurden. Der Altar sollte Trost und Hoffnung für die
Kranken sein und in gewisser weise auch eine Rechtfertigung, warum der
allmächtige Gott soviel Leid auf Erden zulässt. Diese Frage wird seit Leibniz
unter dem Begriff der Theodizee diskutiert, war aber schon bei den Griechen
aktuell. Im zwanzigsten Jahrhundert verschob sie sich, ganz dezidiert bei den
abstrakten Expressionisten, zu der Frage: Darf man angesichts des Leids auf der
Welt schöne Bilder malen? Bei Frensch wird diese Frage durch die zweite
Predella, in der die Mark Rothko Chapel in Houston gezeigt wird, zur
Selbstbefragung des Altars.

Das Isenheimer Kloster wurde von dem Orden der Antoniter geführt. Der heilige
Antonius, auch Antonius der Große genannt, war christlich-ägyptischer Mönch,
Asket und Einsiedler. Gemäß ihrem Patron waren die Antoniter Bettelmönche und,
wie man unschwer nachvollziehen kann, keine Anhänger des dekadenten Roms. Mit
Grünewald – in seinem Nachlass fanden sich u. a. 27 Predigten Luthers –
gewannen sie einen Künstler, der ihre Ansichten teilte. Der Isenheimer Altar ist
eine bildliche Vorwegnahme dessen, was später der Protestantismus an der
römischen Kirche auszusetzen hatte. Leit- und Vorbild ist der heilige Antonius,
der auf vier verschiedene Weisen im Altar auftritt.

Frensch sucht in ihrer Fassung schon gar nicht mehr nach positiven Vorbildern in
der Kirche. Für sie gibt es keine mehr. In ihrer ersten Schauseite zeigt sie an
Stelle des Antonius eine Zwittergestalt in Ineinanderblendung von Bischof Mixa
und Bischof Schwarz. Der heilige Sebastian wird als Ministrant wiedergegeben. Den
Bezug von Bischof und Ministrant lädt sie über die beiden Fensterdarstellungen
so auf, dass hier ein latenter Missbrauchsvorwurf im Raume steht. Überhaupt sind
die beiden Fenster bei Frensch der eigentliche symbolische Ort des Geschehens.
Hinter dem Bischof ein bleiverglastes Kirchenfenster der fünfziger Jahre mit
einem ekstatisch tanzenden (oder Hilfe suchenden) Kind um einem Lebensbaum.
Hinter dem Ministrant ein zerbrochenes Zimmerfenster mit Blick auf eine
romantische Landschaft.
Eine treffende Allegorie der Wunde als zerbrochene Seele. Frensch mixt auf
subtile Weise die gegebenen Elemente aus dem Isenheimer Vorbild und dreht die
Kategorien um: aus dem lasziv leckeren heiligen Sebastian wird eine depressive
Leere und aus dem asketisch demütigen Kirchenvater eine feist protzende
Demonstration von Macht.
Sind die beiden Seitenflügel noch in ihrer Neudeutung durch eine subtile
Beobachtung des pervertierten Zusammenhangs zwischen Kirche, Glauben und Dienen
gekennzeichnet, ist der Mittelteil eine Übersetzung von phantastischer
Genauigkeit und brillanter Analytik. Christus als nackte Anorektikerin:
Überbestimmung und Unterbestimmung in Einem, die vollständige Fleischwerdung
Gottes als radikale Askese. Frensch bringt den Doublebind von Leibwerdung und
Leibächtung der Christusfigur auf den Punkt und zieht die Linie in unsere Zeit.
Magersucht als die radikale Selbstaufgabe zugunsten aller möglichen
Fremdeinschreibungen: Die Heilige ist das Model von heute.…

 

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