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title: "In der Kunst wird heißer gegessen als gekocht!"
date: 2016-11-23
author: "Julia Viehweg"
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# In der Kunst wird heißer gegessen als gekocht!

![In der Kunst wird heißer gegessen als gekocht!](https://www.adbk.de/images/stories/aktuell/2016/11/Transform.jpg)

**4 KünstlerInnengespräche mit Michael Hofstetter**

 **4. Gespräch Verena Frensch: Isenheimer Altar**  
MI 14.12.16 | 19:00 Uhr

 **Raum** Auditorium im Neubau | Akademiestr. 4

  

  

 Im Rahmen von transform – Lehrerfortbildung an der Akademie München  
  
"In der Kunst wird heißer gegessen als gekocht!", das heißt für Hofstetter:  
Die Propaganda der erfolgreichen Künstler und deren Kritiker ist meist radikaler  
als die Werke selbst. Die Künstler, die wirklich heiß kochen, machen Werke, die  
zwar radikal, aber nicht anschlussfähig sind. Aber vielleicht führen sowohl  
Radikalität als auch Anschlussfähigkeit die Kunst in eine Sackgasse?   
Die vier Abende werden die Problematik der Produktion im Lichte der Rezeption  
beleuchten und viele Erwartungen und Rollenklischees ansprechen –auch die  
Einhegung der Kunst durch die Historisierung.  
  
Den Auftakt der vier KünstlerInnengespräche macht Bernhard Helzel mit seiner  
Examensarbeit an der Akademie München aus dem Jahre 1995. Bernhard Helzel hat  
sein Studium mit Ausführungen von Konzeptkunstwerken von Künstlern wie Lawrence  
Weiner oder Daniel Buren finanziert. Er realisierte deren Werke auf der Grundlage  
von zugesandten Faxmitteilungen in spezifischen Ausstellungssituationen. Für  
seine Examensarbeit wählte er drei dieser Auftragsarbeiten aus und führte sie  
mit dem Einverständnis der Autoren nochmals in der Akademie München aus.  
Die Reaktionen der Prüfungskommission reichten von Begeisterung bis zur  
völligen Ablehnung.  
Diese Examensarbeit stellt Michael Hofstetter bewusst an den Anfang seiner  
Gesprächsreihe, um zusammen mit Bernhard Helzel das Terrain abzustecken, worum  
es in der Kunst ganz pragmatisch geht, aber auch, worum es in der Kunst gehen  
könnte.

  

 Bernhard Helzel: Im Dienst der freien Kunst   
Mi. 23. Nov. 19 Uhr im Auditorium  
  
Gespräch mit Stephan Conrady: Idyllen   
Mi. 30. Nov. 19 Uhr im Auditorium

  

 Conradys Bilder zeigen uns nicht nur das Dilemma des ausgeleuchteten und veröffentlichten Menschen, sondern führen es auch vor. Denn die notwendige Blindheit, die man zum Leben braucht, braucht man auch zum Malen. Was tun, wenn man den angebotenen Verfahren, also den selbstreferentiell-autonomen oder den erzählend-subjektiven, den abstrakten oder figurativen, wenn man all diesen im Bestand der Malereigeschichte vorliegenden Verfahren mißtraut und doch nur diese zur Verfügung hat?   
  
Gespräch mit Barbara Spaett: Lost Paradise   
Mi. 07. Dez. 19 Uhr im Auditorium

  

 Barbara Spaetts Werke verrechnen ständig Text und Kontext. Sie sind nicht nur parasitäre Einschreibungen in Konventionen und Werturteile des Kunstbetriebs, die sie im selben Moment wieder preisgeben, sondern sie verhandeln auf subversive Weise die ganze symbolische Ordnung, in der sie erscheinen. So wie ihre Namenspatronin, die heilige Barbara, die aus dem binären System der abendländischen Logik aussteigt und deren Doppeläugigkeit und Doppelsichtigkeit durch ein drittes Fenster in ihrem Turm erweitert, fügt Spaett ihren Arbeiten ein drittes Auge hinzu. Eines, das die ersten beiden aussetzt, aber nicht ersetzt.  
Die große Erzählung ist zu Ende. Aber nicht nur wir Betrachter haben das Problem, in welcher Anwaltschaft wir vor ein Kunstwerk treten sollen, auch ein Künstler hat keine fraglos gegebene Rolle mehr, mit der er in die Welt treten kann. Eine Künstlerin noch viel weniger. Alles, was wir haben, ist geborgt aus den Trümmern einer Geschichte, die uns vor langer Zeit die Illusion gegeben hat, die Menschheit würde sich linear entlang einer alles umfassenden Erzählung auf ein gutes Ende hin entwickeln. Aus all diesen Fundstücken basteln wir unsere eigene kleine Geschichte, einen prekären Entwurf, nicht für die Ewigkeit bestimmt, sondern für die kurze Dauer bis zum nächsten Entwurf. Hier treten wir gleichzeitig auf als Priester und Narr und, im Falle von Barbara Spaett, als Priesterin und Närrin.

  

 **Gespräch mit Verena Frensch: Isenheimer Altar**  
**Mi. 14. Dez. 19 Uhr im Auditorium**

  

 **Verena Frensch, Retable 20, (Eine Überschreibung des Isenheimer Altars)**  
  
**… Auch der Isenheimer Altar war ein Endzeitaltar. Das Kloster Isenheim war**  
**damals ein Krankenhaus und Hospiz für Patienten, die an Pest, Cholera, Lepra,**  
**Syphilis erkrankt, ausgestoßen und dem Tode geweiht waren; aber auch ein Ort, an**  
**dem Wahnsinnige gepflegt wurden. Der Altar sollte Trost und Hoffnung für die**  
**Kranken sein und in gewisser weise auch eine Rechtfertigung, warum der**  
**allmächtige Gott soviel Leid auf Erden zulässt. Diese Frage wird seit Leibniz**  
**unter dem Begriff der Theodizee diskutiert, war aber schon bei den Griechen**  
**aktuell. Im zwanzigsten Jahrhundert verschob sie sich, ganz dezidiert bei den**  
**abstrakten Expressionisten, zu der Frage: Darf man angesichts des Leids auf der**  
**Welt schöne Bilder malen? Bei Frensch wird diese Frage durch die zweite**  
**Predella, in der die Mark Rothko Chapel in Houston gezeigt wird, zur**  
**Selbstbefragung des Altars.**  
  
**Das Isenheimer Kloster wurde von dem Orden der Antoniter geführt. Der heilige**  
**Antonius, auch Antonius der Große genannt, war christlich-ägyptischer Mönch,**  
**Asket und Einsiedler. Gemäß ihrem Patron waren die Antoniter Bettelmönche und,**  
**wie man unschwer nachvollziehen kann, keine Anhänger des dekadenten Roms. Mit**  
**Grünewald – in seinem Nachlass fanden sich u. a. 27 Predigten Luthers –**  
**gewannen sie einen Künstler, der ihre Ansichten teilte. Der Isenheimer Altar ist**  
**eine bildliche Vorwegnahme dessen, was später der Protestantismus an der**  
**römischen Kirche auszusetzen hatte. Leit- und Vorbild ist der heilige Antonius,**  
**der auf vier verschiedene Weisen im Altar auftritt.**  
  
**Frensch sucht in ihrer Fassung schon gar nicht mehr nach positiven Vorbildern in**  
**der Kirche. Für sie gibt es keine mehr. In ihrer ersten Schauseite zeigt sie an**  
**Stelle des Antonius eine Zwittergestalt in Ineinanderblendung von Bischof Mixa**  
**und Bischof Schwarz. Der heilige Sebastian wird als Ministrant wiedergegeben. Den**  
**Bezug von Bischof und Ministrant lädt sie über die beiden Fensterdarstellungen**  
**so auf, dass hier ein latenter Missbrauchsvorwurf im Raume steht. Überhaupt sind**  
**die beiden Fenster bei Frensch der eigentliche symbolische Ort des Geschehens.**  
**Hinter dem Bischof ein bleiverglastes Kirchenfenster der fünfziger Jahre mit**  
**einem ekstatisch tanzenden (oder Hilfe suchenden) Kind um einem Lebensbaum.**  
**Hinter dem Ministrant ein zerbrochenes Zimmerfenster mit Blick auf eine**  
**romantische Landschaft.**  
**Eine treffende Allegorie der Wunde als zerbrochene Seele. Frensch mixt auf**  
**subtile Weise die gegebenen Elemente aus dem Isenheimer Vorbild und dreht die**  
**Kategorien um: aus dem lasziv leckeren heiligen Sebastian wird eine depressive**  
**Leere und aus dem asketisch demütigen Kirchenvater eine feist protzende**  
**Demonstration von Macht.**  
**Sind die beiden Seitenflügel noch in ihrer Neudeutung durch eine subtile**  
**Beobachtung des pervertierten Zusammenhangs zwischen Kirche, Glauben und Dienen**  
**gekennzeichnet, ist der Mittelteil eine Übersetzung von phantastischer**  
**Genauigkeit und brillanter Analytik. Christus als nackte Anorektikerin:**  
**Überbestimmung und Unterbestimmung in Einem, die vollständige Fleischwerdung**  
**Gottes als radikale Askese. Frensch bringt den Doublebind von Leibwerdung und**  
**Leibächtung der Christusfigur auf den Punkt und zieht die Linie in unsere Zeit.**  
**Magersucht als die radikale Selbstaufgabe zugunsten aller möglichen**  
**Fremdeinschreibungen: Die Heilige ist das Model von heute.…**

  
