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ARBEIT LEBEN WOHNEN
von Lukas Loske

 

Das Mögliche ist beinahe unendlich, 
das Wirkliche streng begrenzt, 
weil doch nur eine von allen Möglichkeiten zur Wirklichkeit werden kann. 
Das Wirkliche ist nur ein Sonderfall des Möglichen, 
und deshalb auch anders denkbar. 
Daraus folgt, dass wir das Wirkliche umzudenken haben, 
um ins Mögliche vorzustoßen.

 Friedrich Dürrenmatt (aus: »Justiz«, 1985)

 

Drei Fotos: Ein altes Haus, darin Wände, an denen alte Tapeten in Fetzen herunterhängen. Davor ein Glaskasten – gefüllt mit einem Berg Papier, gut einen halben Meter hoch übereinander geschichtet. Unterschiedlich große Blätter, Zettel und Klebezettel, beschrieben, bedruckt, kopiert, ausgeschnitten, gesammelt.
Zweimal Papier, zweimal in Schichten. Einmal alt, einmal neu. Vergangene Wirklichkeit, zukünftige Möglichkeit.
Alt und Neu – darum geht es in dieser Arbeit. Sie ist entstanden in einem Jahr der Pandemie.


März 2020: Die Anlässe, die Lukas Loske beruflich fotografiert, fehlen jetzt. Von einem Moment zum nächsten gibt es für ihn als Fotograf keine Arbeit mehr. Gleichzeitig schließt die Akadamie, Ausstellungen finden nicht mehr statt.
Die Arbeit fehlt Loske, aber auch die Kunst. Überhaupt sein Leben – Familie und Freunde zu treffen, zu reisen.
Loskes Familie mütterlicherseits stammt aus Rossrieth, einem kleinen fränkischen Ort mit 40 Einwohnern. Loske beschließt im ersten Lockdown, dorthin zu gehen und ein 100 Jahre altes, leer stehendes Haus in diesem Dorf zu renovieren. Tapete für Tapete zieht er von den Wänden. Nach jeder Schicht taucht noch eine weitere auf. Ihm kommt es vor, als würde er das Haus von einer Last befreien: Über Jahrzehnte haben die Menschen immer nur eine Schicht über die andere geklebt, nichts Neues probiert, nichts Altes freigelegt – immer nur die Oberfläche überklebt. Entstanden ist ein Ballast, viel zu viele Schichten. Nach wochenlanger Arbeit kommen endlich die Wände zum Vorschein: Sie sind wunderschön bemalt.
Das Haus erscheint ihm wie sein Leben: zu vieles, was von außen auf ihn einwirkt, ihm wie eine Tapete aufgedrückt wird. Erwartungen, Rechnungen, Infektionszahlen, Leseempfehlungen, Termine, Arbeit, Steuererklärungen, Trennungsbriefe... Was tut man damit? So weitermachen, einfach noch eine Schicht drüberkleben?
Loske beginnt, alles zu sammeln, was ihn bedrückt und beschäftigt. Der Stapel, den wir im Glaskasten sehen, ist der Stapel, den jeder von uns auf dem Schreibtisch angehäuft hat – oder innerlich, in Form von To-Do-Listen und schlechtem Gewissen. Je länger die Pandemie andauert, umso mehr kreisen seine Gedanken um die Frage: Wie will ich eigentlich leben? Und wie wollen wir gemeinsam leben, als Gesellschaft?
In dem hundert Jahre alten Bauernhaus wurde früher ganz anders gelebt: Leben, Wohnen und Arbeiten waren an einem Ort. Das taten in der Bauernfamilie ganz selbstverständlich alle zusammen, in einer Gemeinschaft. Die drei großen Einheiten ließen sich gar nicht trennen. Es gab keine klare Erwerbsarbeit. Auch Haushalt, Garten und das Kümmern um den Anderen, um Alte und Kinder waren Arbeit, die einfach zum Leben dazugehörte. Wohnen und Leben ließen sich ebensowenig trennen. Man wohnte nicht mal hier, mal dort, sondern lebte an einem Ort, mit dem man sich verbunden fühlte, an dem alles stattfand, an dem sich das Leben abpielte.
Heute fragen wir "Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?". In einer Stadt wie München ist das Wohnen kein Selbstläufer. Die riesigen Mieten müssen erst einmal verdient werden. Dadurch bekommt die Erwerbstätigkeit einen Stellenwert, der eigentlich kaum zu ertragen ist. Arbeit ist in erster Linie dazu da, das Wohnen zu finanzieren – nicht, um den Menschen zu erfüllen. Erfüllen soll dann die Freizeit: Dolce Vita, das schöne Leben. Abends nach 18 Uhr, im Urlaub und am Wochenende.
Macht das glücklich? Ist es wirklich ein Fortschritt, dass wir heute Arbeit, Wohnen und Leben so stark trennen – und damit auch unsere Bezugspersonen aus diesen Bereichen? Dass wir zwar unendlich viele Möglichkeiten haben, dafür aber immer mehr vereinzeln?
Aus der Glücksforschung wissen wir, welche große Rolle Gemeinschaft bei der Frage des Glücks spielt. Doch je mehr wir trennen, desto weniger Gemeinschaft gibt es. Digitalisierung und Homeoffice verstärken diese Entwicklung.
Während der Papierstapel wächst, fasst Loske einen Entschluss. Die kleinste Einheit, das alte Haus in Rossrieth, soll der Ort für etwas Neues werden: eine Rossrieth-Biennale. Zuerst Renovierung und Umbau für die neue Nutzung, dann ein Modellprojekt: Loske und weitere Künstler leben und arbeiten zunächst für drei Monate in dem Haus auf dem Land. In dieser Zeit entstehen künstlerische Arbeiten in den neuen Ateliers, und es wird ein Konzept für die weitere Nutzung zusammen mit den Dorfbewohnern entwickelt. Am Ende gibt es eine Ausstellung. Das soll alle zwei Jahre wiederholt werden. Es geht dabei um die Kunst, doch auch um das gemeinsame Leben darum herum: Künstler und Anwohner könnten den Garten wieder anlegen, die leeren Ställe nutzen für Konzerte, Theater, Yoga und vieles mehr. Man kann sich einbringen als Tagesgast, als Gast für ein paar Monate oder Jahre, oder ganz dort leben. Vor allem soll es ein Ort werden, an dem Ideen gesammelt und umgesetzt werden. Mitten auf dem Land, weit ab von der Großstadt soll die Kunst in einen Diskurs kommen mit dem Dorf, dem Landstrich, der ganzen Gesellschaft – Stück für Stück. ARBEIT LEBEN WOHNEN: Wie können wir das näher zusammenbringen? Welche Vorteile hätte eine stärkere Einheit? Was wäre anders?
Ab jetzt kommt das Neue auf den Stapel: ein Businessplan, Rechnungen der Handwerker, Pläne für Elektroanschlüsse, Ideen für Seminarthemen und Kolloquien, Versicherungsunterlagen, Inspiration aus Zeitungsartikeln und Büchern, viele Zahlen und Texte, Zeichnungen. Der Stapel erfährt eine Transformation, aus Alt wird Neu.
"Ich löse mich von all dem Mühsamen, indem ich für mich (und vielleicht auch für andere) ein neues Leben schaffe. Die Gesellschaft kann ich nicht verändern, aber mich selbst – und damit vielleicht auch andere." (Lukas Loske)