Aufgrund der Raumbeschränkungen sind alle Veranstaltungen auf 15 Teilnehmer*innen begrenzt. Bitte vermeiden Sie überflüssige Anmeldungen und melden Sie sich gegegenfalls wieder ab, so daß andere Nachrücken können.

Die Anmeldung zu den Lehrveranstaltungen erfolgt ab 21.09. über das Studierendenportal. Hilfestellung zum Portal findet sich auf dieser Seite.

 

All happy families. Glück und Scheitern der Familie im Film

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik E.02.09)

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo

Zeit: Dienstag, 16.00-20.00 Uhr, zweiwöchentlich, beginnend am 20.10.

Raum: E.O1.23

 

„All happy families are alike – each unhappy family is unhappy in its own way.“ Mit diesem berühmten Satz lässt Leo Tolstoi seine Ana Karenina beginnen. Alle glücklichen Familien gleichen einander – wieso? Weil die „glückliche Familie“ ein Versprechen ist, ein Bild oder Ideal. In Bildern von lachenden Kindern und sorgenden Müttern, von Sonntagsausflügen und Spieleabenden formuliert die Institution der Familie ein Glücksversprechen, das für viele reale (insbesondere für weiße und bürgerliche) Familien als handlungsanleitende Orientierung wirkt. Zugleich gibt es – wahrscheinlich bereits seit dem historischen Beginn der bürgerlichen Kleinfamilie – auch Bilder und Geschichten, die vom Scheitern erzählen, dieses versprochene Glück zu erreichen; von den verschiedenen „jeweils eigenen“ Arten des Unglücks, das die Orientierung am Ideal der Familie produziert. Gerade diese verschiedenen Weisen zu scheitern und die Formen von Gewalt und Verunsicherung, mit denen sie verbunden sein können, sind eine reichhaltige Quelle ästhetischer Auseinandersetzungen mit der Familie. Der Film nimmt bei dieser Dopplung von Bildern einen zentralen Stellenwert ein. Schließlich ist der Film ebenso ein bevorzugtes Medium zur Etablierung des Versprechens und Ideals der Familie wie er – auf dieser Grundlage – auch ein besonderes subversives Potential besitzt, um die Brüche und strukturelle Krisenhaftigkeit, die in diesem Versprechen liegen, in ihrer Eigenheit und Unterschiedlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

Im Seminar werden wir uns mit der doppelten Struktur – Glücksversprechen und Krisenhaftigkeit der Familie – beschäftigen und uns dabei auf zwei Säulen stützen: Auf der einen Seite werden wir ausgewählte Filme zu diesem Themenkomplex anschauen und auf der anderen Seite werden wir theoretische Ansätze zur Bestimmung und Kritik der Familie lesen, die uns auch eine Grundlage bieten sollen, um die Filme gemeinsam zu diskutieren.

 

 

Subversive Lebensformen

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik E.02.09

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo

Zeit: Dienstag, 16.00-20.00 Uhr, zweiwöchentlich, beginnend am 27.10.

Raum: E.O1.23

 

Was sind subversive Lebensformen? Was kann das Anliegen, subversiv zu leben, bedeuten? „Subversion“ meint die Idee einer kritischen und auf Transformation zielenden Politik, die nicht in deklarierten politischen Institutionen oder in organisierten Kollektiven operiert, sondern eher auf unterwandernde Weise funktioniert – im Kleinen oder Verborgenen. Subversiv zu leben bedeutet demnach, dass eine solche Unterwanderung auch im Alltag, im jeweils individuellen Leben geschehen kann und darin vielleicht sogar ihren privilegierten Ort hat. Dieses Verständnis von Politik ist etwa in der feministischen Theorie und Praxis bedeutsam oder auch in bestimmten anarchistischen Ansätzen sowie in der Politik der „‘68er“. Slogans wie „Das Private ist politisch“ oder „Politik der ersten Person“ zeugen von einer solchen Perspektive, die Politik im Leben verortet  und in der Transformation des eigenen Lebens gar die Grundlage für gesellschaftliche und revolutionäre Umwälzungen sieht. Dabei kann – je nach Ansatz – die Politisierung des eigenen Lebens gänzlich Unterschiedliches bedeuten: von der Bildung neuer und solidarischer „Beziehungsweisen“ (wie Bini Adamczak vorschlägt), über die Verweigerung von Aktivität (wie die klassische Figur des „Bartleby“ gedeutet wurde) und dem Rückzug aus der Gesellschaft (wie es Henry-David Thoreau erprobte) zu praktiziertem Antifaschismus (wozu Natasha Lennard in ihren aktuellen „Essays on Non-Fascist Life“ aufruft), feministischer Alltagspraxis (so Sara Ahmed in „Living a Feminist Life“) und der Transformation des eigenen Körpers (wie sie Paul Preciado in seinen jüngst erschienen „Chroniken des Übergangs“ beschreibt).

Wir wollen uns im Seminar der Unterschiedlichkeit und auch internen Spannung dieser Ansätze stellen und dabei das jeweilige Verständnis von Politik sowie von Leben und dessen Gestaltung diskutieren. Wie individualistisch, wie utopisch, wie interventionistisch, wie konstruktiv oder wie negativ erscheint jeweils Politik? Was passiert mit dem Bezug auf den Alltag, auf Privatheit, auf Beziehungen oder auf den eigenen Körper, wenn diese zu politischen Schauplätzen werden? Und was geht dabei womöglich verloren? Welche Möglichkeiten der Emanzipation, aber auch welche Probleme und Gefahren, können in der Engführung von Politik und Leben liegen und was können wir selbst aus den diskutierten Ansätzen und Vorschlägen mitnehmen?

 

 

Futurismen: Politik und Ästhetik der Zukunft

Oberseminar und Forschungskolloquium Philosophie

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo und Anne Gräfe, M.A.

Zeit: Mittwoch 17.00–21.00 Uhr, zweiwöchentlich.

Termine: 28.10., 11.11., 25.11., 09.12., 13.01., 27.01., 10.02.

Termine Doktorand_innenkolloquium: 09.12., 10.02.

Raum: E.EG.28

 

Was bedeutet „Zukunft“ als ästhetisch-politische Kategorie und was impliziert deren Verwendung? Wenn man verschiedene Weisen der ästhetischen und politischen Bezugnahme auf „Zukunft“ betrachtet, zeigt sich, dass dies sehr Unterschiedliches bedeuten kann. So forderte der italienische Futurismus der 1910er und ‘20er Jahre eine Befreiung der Kunst von ihrer nostalgischen Bindung an die Vergangenheit, um sich durch die volle Entfaltung kreativer Energien in „Schöpfung und Tat“ der „Zukunft“ zu öffnen. Dabei wollte man – in immer expliziterer Nähe zum Faschismus – von der Modernisierung der Kunst zu einer Politik übergehen, die „gewalttätig“, „freiheitlich“, „dynamisch“ und von der „Schönheit“ des Krieges und der Gefahr geleitet sei. Wenn heute der sogenannte „Akzelerationismus“ ebenfalls verspricht, die Zukunft zurückzuholen, so gibt es dabei klare Bezüge zur Kategorie der Zukunft im historischen Futurismus, auch wenn hier explizit ein anderes politisches Programm im Zentrum steht. Das Beispiel des „Afrofuturismus“ bringt wiederum die Bezugnahme auf eine utopische, aber nicht konkret bestimmbare, Zukunft ein, um über rassistische Verhältnisse hinauszudenken, während auf der anderen Seite die – kritisch gemeinte – Kategorie „Reproductive Futurism“ (Lee Edelman) verdeutlicht, wie die Zukunft zu einer eigenen normativen Instanz werden kann (etwa in der Rede von den „zukünftigen Generationen“), durch die politische Handlungsfähigkeit in der Gegenwart begrenzt wird. Mit der Kategorie „Zukunft“ ist außerdem auch der Anspruch auf Verbesserung, Optimierung und Fortschritt verbunden – Kategorien, die im Kontext des „Neoliberalismus“ deutlich bestimmend sind und mittlerweile in sämtliche Gesellschaftsbereiche hineinragen.

„Zukunft“ bedeutet eine Öffnung, die Hoffnung auf eine Bewegung der Veränderung, in der die Gegenwart zur Vergangenheit geworden ist. Dass dies sowohl auf ein utopisches Moment verweisen als auch repressiv und zerstörerisch funktionieren kann, soll im Oberseminar diskutiert werden. Indem wir uns mit verschiedenen hier genannten „Futurismen“ auseinandersetzen, versuchen wir die verschiedenen Stränge, Bedeutungsdimensionen und internen Ambivalenzen im Zukunftsbezug zu verstehen und zu systematisieren.

Zum Seminar gehört auch das Forschungskolloquium Philosophie. In zwei der Sitzungen (09.12. und 10.02.) wird es die Möglichkeit geben, (zukünftige) Dissertationen, Abschlussarbeiten und Forschungsprojekte zu besprechen. Studierende und Interessierte sind sehr herzlich eingeladen, ihre Arbeiten vorzustellen. Bei Interesse melden Sie sich bitte unter: graefe@adbk.mhn.de

 

 

Grundlagen der Kunst- und Kulturgeschichte / Einführung in die Kunstgeschichte und Philosophie

Freie Kunst FK-T1 sowie KP D.01.09 (Pflichtveranstaltung für Studierende im 1. Sem. der Freien Kunst und der Kunstpädagogik)

Dozent*innen: Prof. Dr. Marina Martinez Mateo, Prof. Dr. Florian Matzner, Prof. Dr. Dietmar Rübel.

Zeit: Mittwoch, 14.00–14.45 oder 15.00–15.45 Uhr (wöchentlich), beginnend am 21.10.2020

Raum: E.EG.28 oder E.O1.23 oder E.EG.29 (je nach Anmeldung)

 

Die wöchentliche Veranstaltung zielt auf die Vermittlung von Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens, insbesondere in Kunstgeschichte und Philosophie. An exemplarischen Beispielen wird ein Überblick über die Geschichte der Kunst sowie die wichtigsten Methoden sowie Themenfelder der Kunstgeschichte und Philosophie geboten. Dazu werden ausgewählte Kunstwerke in Verbindung mit ausgewählten Texten (Primärquellen sowie Sekundärliteratur) gemeinsam diskutiert. Zudem besuchen wir die für die Geschichte und Theorie der Kunst wichtigen Museen und Bibliotheken. Der Bibliotheksbesuch dient auch der Einführung in die Literaturrecherche; zudem werden relevante Internetressourcen vorgestellt und Hinweise zum Erstellen von Referaten und Hausarbeiten gegeben.

Leistungsnachweis: regelmäßige Teilnahme (mind. 80 % Anwesenheit)

 

 

Singularitäten und Singularisierung

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik E.02.09)

Anne Gräfe (M.A.)

Zeit: Donnerstag, 14.00-16.00 Uhr, wöchentlich, beginnend am 29.10.

Raum: A.EG.01, E.EG.28 (10.12.)

 

In seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten erklärt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz, dass sich anhand des Prozesses der Singularisierung die kulturellen, politischen und sozialen Entwicklungen der Gegenwart erklären ließen. Die Singularisierung beschreibt demnach den Entstehungsprozess der Singularitäten. Aber was sind eigentlich Singularitäten? Denn je nach theoretischer sowie politischer Perspektive subsummieren sich unter dem Begriff der Singularität eigentlich äußerst diverse Vorstellungen: So wird Singularität mal als einheitliche Einheit des Singulars als „Single“ (Jameson), als prozessual (Haraway), als individuell einzigartig (Reckwitz), als universell (Badiou), als plural (Nancy), als nichtmenschliche Kraft (Deleuze), sowie als technologisches Ereignis verstanden, welches „die menschliche Zivilisation radikal verändern wird“ (Eden, Moor). Für Felix Guattari ist der Prozess der Singularisierung darüber hinaus eine mögliche Gegenkraft zu Standardisierung und Normierung im Kapitalismus, da dieser „neue soziale und ästhetische Praktiken, neue Praktiken des Selbst“ ermögliche und somit gerade nicht das Singuläre als normativ einzigartig beschreibe, sondern als divers und stetig in Veränderung begriffen.

Die verschiedenen theoretischen Ansätze sollen im Seminar dahingehend diskutiert werden, wie Singularität ein pluralistisches „Eins“ anspricht, wie es sich von der Idee des Spezifischen und Individuellen unterscheidet und inwiefern der Prozess der Singularisierung stets eine (kritische?) Reaktion auf als gegeben und normiert gesetzte Lebensweisen der Gegenwart zu verstehen ist, die sich in dem Gebot der Gleichheit in Verschiedenartigkeit ausdrücken ließen.

Leistungsnachweis: regelmäßige Teilnahme (mind. 80 % Anwesenheit), Anfertigung einer Hausarbeit (mind. 10 Seiten)

 

 

Camp, Gegen-Interpretation und eine neue ästhetische Erlebnisweise

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik E.02.09)

Anne Gräfe (M.A.)

Zeit: Freitag, 10.00-14.00 Uhr, zweiwöchentlich, beginnend am 06.11., weitere Termine: 20.11. / 4.12. / 18.12. / 8.1. / 22.01. / 5.2.

Raum: E.O1.23

 

„Es gibt außer der ‚Postmoderne‘ in der ästhetischen Theorie wohl keinen Begriff, der so diffus und gleichzeitig so wirkungsmächtig ist“, wie ‚camp‘, schrieb Felix Stephan in der Süddeutschen Zeitung. Was ‚camp‘ ist, sei dafür umso problematischer zu fassen. 1964 definiert Susan Sontag 'camp' als eine Erlebnisweise, eine Sensibilität in der Art und Weise der Betrachtung der Kunst und der Welt unter rein ästhetischen Gesichtspunkten. Dabei wird das Ästhetische derart überhöht, dass das Moralische und das Politische scheinbar dahinter verschwinden. Das Teilnahmslose, Coole und dabei vermeintlich nicht Identifizierende ist es, was Camp einerseits ausmacht. Andererseits ist Camp verwandt mit Ironie, Kitsch und Popkultur. „Reines Camp ist immer naiv. Camp, das weiß, dass es Camp ist, überzeugt in der Regel weniger.“ Die als camp rezipierte Kunst, ist somit in aller Regel ernst gemeint und wird dadurch zugleich als camp wie nicht-camp rezipiert, also sowohl als camp als auch als ernst gemeinte, sich damit zu identifizierender Kunst verstanden. Bei Camp wurde in Form der ironischen Überhöhung und Übertreibung von sich selbst ernstnehmenden stereotypen Vorstellungen innerhalb der Gesellschaft gerade jene stereotype Vorstellung als solche vorgeführt und entlarvt (auch wenn das nicht primäres Ziel der Camp-Bewegung gewesen sein mag). Interessant ist, dass Camp, von dem Susan Sontag selbst schrieb, es sei nicht zu beschreiben möglich, sich von einer ironischen Brechung mit der Massenkultur der 1960er und -70er Jahre, „Kultur in Anführungszeichen zu konsumieren“, in der Gegenwart zu einer Retro-Mode und damit einem Massenphänomen entwickelte, dabei mittlerweile als oftmals ironiefreie Aneignung und Überhöhung, mithin als Produkt wie Motor, dieser Massenkultur fungiert. Und nicht zuletzt sah Sontag im Erleben der Psychopathologien des Überflusses den Erfahrungsraum für Camp abgesteckt. Diese Psychopathologien des Überflusses haben sich seit damals jedoch intensiviert und verändert. Was kann dann heute camp sein?

Ausgehend von Susan Sontags Essays wird das Seminar mit Blick auf aktuelle künstlerische Positionen und andere theoretische Texte untersuchen, welche Aktualisierungen sich seit Sontags Essays in Kunst, Popkultur und Ästhetik ausmachen lassen und wie Sontags Überlegungen in Zeiten von Identitätspolitik und Spätkapitalismus weiterhin helfen könnten, eine andere Perspektive, als neue ästhetische Erlebnisweise, einzunehmen.

Leistungsnachweis: regelmäßige Teilnahme (mind. 80 % Anwesenheit), Anfertigung einer Hausarbeit (mind. 10 Seiten).

 

 

Unter anderen Bedingungen

Blockseminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik E.02.09)

Nisaar Ulama, M.A.

Termine: Do 29.10., 18.00-20.00 Uhr, Fr 30.10., 10.00-18.00 Uhr, Sa 31.10., 10.00-16.00 Uhr

Raum: A.EG.01

 

Unter anderen Bedingungen wäre die Akademie ein Ort des freien Austausches und ein Seminar der Raum, in dem nichts außer Frage steht – auch das, was Theorie und Praxis, Philosophie und Kunst überhaupt sein können. Nun steht dies selbst in Frage, für ungewisse Zeit. Wie andere Orte der Zusammenkunft und der Zusammenarbeit ist auch die Akademie damit konfrontiert, eigentlich unmögliche Bedingungen festlegen zu müssen, um eine Minimalform des Austausches garantieren zu können.

Doch zwischen der Sehnsucht nach Normalität und der Erschöpfung durch Improvisation lässt sich ein Ausnahmezustand auch als Gelegenheit verstehen, ganz Grundsätzliches anzuzweifeln. Mehr denn je stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen unsere Kunst- und Wissensproduktion eigentlich stattgefunden hat und in Zukunft stattfinden soll. Was kann die Souveränität einer Institution wie der Akademie der Bildenden Künste, als Garant theoretischer und praktischer Freiheit noch bedeuten? Was bleibt von unseren Klagen, wenn wir das Selbstmitleid der Privilegierten abziehen? Wogegen sollen die dicken Mauern der Akademie eigentlich noch schützen?

Dies sind einige Fragen, durch die wir nicht unbedingt zu Antworten, aber möglicherweise zu anderen Bedingungen gelangen könnten. Das Seminar findet als Blockseminar statt, und frei nach Derrida gilt daher: Lassen wir uns Zeit, aber tun wir es schnell, denn wir wissen nicht, was uns erwartet.

 

Lektüre zur Vorbereitung:

Jacques Derrida, Die unbedingte Universität, Suhrkamp 2001

Zoe Todd, An Indigenous Feminist’s Take On The Ontological Turn: ‘Ontology’ Is Just Another Word For Colonialism, in: Journal of Historical Sociology Vol. 29 (1), 2016

 

 

Das Gewebe der Dämonischen Leinwand – Bildräume jenseits von Sichtbarkeit

Lehrauftrag

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik E.02.09)

Leo Heinik (leoheinik@posteo.de)

Zeit: Freitag, 10.00-14.00 Uhr, zweiwöchentlich, beginnend am 23.10.

Weitere Termine: Termine: 23.10., 30.10., 13.11., 27.11., 11.12., 15.01., 29.01.

Raum: E.O1.23

 

Die Dämonische Leinwand ist der Titel, den Lotte H. Eisner für ihr 1952 erschienenes Buch über die Entwicklung der Filmproduktion im Deutschland der 1920er Jahre gewählt hat. Eisner ist keine distanzierte Beobachterin – ist die Geschichte, die sie bis zum Nationalsozialismus nachzeichnet, doch auch eng mit ihrer eigenen Biografie verknüpft. Mit vielen ihrer Protagonist*innen verband sie eine enge Freundschaft. Als oppositionelle, jüdische Autorin sah sie sich 1933 nach der Machtübernahme durch die Nazis gezwungen, aus Deutschland zu fliehen. Mit der Figur des Dämonischen legt sie einen Zugang zu den Widersprüchen und Abgründen, die sich in den Verwerfungen der Leinwand verbergen. Wenn sich auf ihrer Oberfläche Doppel- und Wiedergänger*innen aus dem Helldunkel schälen und mit ausufernden, abgehackten Bewegungen wieder in die expressiven Hintergründe stürzen, gibt sich die Leinwand als besessene, heimgesuchte Struktur zu erkennen. Sie wölbt und sträubt sich unter den Spannungen, die an ihr zerren, richtet sich auf und faltet sich zum Spukhaus, in dem sich eine Bewohner*in wiederfindet, die kurz zuvor noch dachte, sie sei lediglich Betrachter*in.

Von Eisner, die sich auf Goethes Sprachgebrauch des Dämonischen als unerbittlicher Schicksalskraft bezieht, führt das Seminar zu Jacques Derridas Hantologie. Als Gegenkonzept zur Ontologie, der Lehre vom Seienden, besetzt diese materialistische Lehre von der Heimsuchung die Lücken, die sich an den Übergängen zwischen den Zeit- und Bedeutungsebenen von Ware, Gebrauchsgegenstand und Erinnerungsträger auftun. Wendy Hui Kyong Chun zeigt, dass auch in zeitgenössischen Technologien dämonische Kräfte am Werk sind. In der Gestalt von Hintergrundprozessen sind sie an der Aufrechterhaltung von Interfaces beteiligt, die ihren User*innen Gefühle von Kontrolle und Handlungsfreiheit vermitteln. In aktuellen Filmen von Nia DaCosta, Mati Diop, Bong Joon-ho und Jordan Peele sind Besessenheit und Heimsuchung Werkzeuge, mit denen rassistische und klassistische Strukturen greifbar werden.

In jeder Sitzung werden ausgewählte Texte und Filme zueinander in Bezug gesetzt und diskutiert. Damit folgt das Seminar den Dynamiken des Dämonischen und der Heimsuchung in der Hoffnung, das Feld des Sichtbaren letztlich zu verlassen. Denn der Blick ist träge und der visuellen Flüchtigkeit der Geister nicht gewachsen. Ist es möglich, die Erscheinungen zu fassen zu bekommen? Wie fühlt sich ein Gespenst an, wie eine Projektion?

 

 

Reproduktion, Zirkulation, Migration. Gegenwärtige Positionen der Ästhetik

Lehrauftrag

Blockseminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4)

David Weber (weber@adbk.mhn.de)
Termine: 13.01. 14.00–18.00 Uhr, 14.01. 10.00–18.00 Uhr, 15.01. 10.00–16.00 Uhr

Raum: A.EG.01 (13.01.), E.EG.28 (14./15.01.)

 

 

Das Blockseminar bietet eine schlaglichtartige Kartierung zeitgenössischer ästhetischer Theorie im Anschluss an prominente Positionen der Moderne und Postmoderne. Aufgegriffen werden Begriffe wie Reproduktion und Reproduzierbarkeit (Benjamin), der Medienspezifik (Greenberg, Fried, Krauss), der Dissemination (Derrida, Barthes) und des Simulakrums (Baudrillard, Deleuze), um ihre diskursgeschichtlichen Transfers in Theorieentwürfe nachzuzeichnen, die sich bemühen, spezifisch zeitgenössische Phänomene zu erfassen. Es geht dabei u.a. um die Verflüssigung und Entgrenzung der Reproduktion im Zeitalter digitaler Netzwerke, wo Aspekte der Dematerialisierung (Lucy Lippard) und der Rematerialisierung („Post-Digital“, Diana Coole) in einem eigentümlichen Double-Bind verschaltet sind. Schon spätestens in den 70er Jahren (Pictures, Crimp) hatte sich die gleißende Tiefe reproduzierter Oberflächen erwiesen; diese gewinnt unterdessen als Zirkulation in den Netzen eine veränderte Dynamik und propagiert Modifikationen im Status der Werke und Autor*innenschaft (Joselit, Steyerl, Price). Gibt es also eine New Aesthetic (Bridle, Sterling, Manovich, Galloway) im Kontext eines post-postmodernen, millennialen Mindsets (New Sincerity, Foster Wallace, Tao Lin)? Die Globalisierung qua Datennetzen ist dabei nicht zu trennen von den Bewegungen der Kulturen, Waren und Menschen: Phänomene der Afroisierung markieren, neben anderen, die Tatsachen verallgemeinerter Migration: Sei es modernistisch-optimistisch: Afro-Futurismus (Anderson, Delaney, Eshun); skeptisch-militant: Afro-Pessimismus (Sexton, Moten, Wilderson); oder post-Ferguson thetisch: This is … Afro-Surrealismus (T. Francis, D. Glover, T. Nance).

 

 

Full Surrogacy now

Lehrauftrag der Frauenbeauftragten

Seminar (Freie Kunst FK-T2)

Yanna Thönnes

Termine: Fr 27.11., 14.00-17.00 Uhr, Fr 04.12., 10.00-17.00 Uhr, Sa 05.12., 10.00-17.00 Uhr

Raum: E.O1.23 (27.11.), E.EG.28 (04.12.), A.EG.01 (05.12.)

Um Anmeldung wird gebeten per Studierendenportal und Mail an yanaevathoennes@gmail.com

 

“Where pregnancy is concerned, let every pregnancy be for everyone. Let us
overthrow, in short, the family.”

Schwangerschaft ist immer noch ein ungelöstes Problem.

Das Seminar “Full Surrogacy Now” wird sich mit dem Mythos Mutterschaft beschäftigen, indem es eine Gegenfigur analysiert: Die Leihmutter. Anhand der Lektüre von “Full Surrogacy Now - Feminism Against Family” von Sophie Lewis werden wir verschiedene Themen rund um das Phänomen Leihmutterschaft beleuchten: Surrogacy (von lat surrogare: ersetzen) interessiert uns zunächst als Phänomen der bezahlten Reproduktionsarbeit, welche in neoliberale Machtgefälle entlang von Gender, Klasse, Race und Kaste verstrickt ist.

In der Untersuchung der Mechanismen, die reproduktive globale Ungleichheiten hervorbringen, werden wir den Markt rund um den “Traum vom genetisch verwandten Kind” sondieren: Fallstudien von indischen sogenannten Baby-Farmen und die globalen Wege von Eizellen, Spermien, den sogenannten commissioning parents und Leihmüttern dienen uns als Grundlage, um das ökonomische Feld zu verstehen. Schließlich fokussieren wir uns auf die Arbeit der Leihmütter selbst, die sich zwischen Affektkontrolle, emotionalem Management, ständiger Verfügbarkeit und Stigmatisierung abspielt.

Im zweiten Teil des Seminars soll der Mythos Mutterschaft als Darstellungsthema der jüngeren Kunstgeschichte sowie zeitgenössischer Positionen beleuchtet werden. Abschließend gilt es, zu diskutieren, wie Leihmutterschaft als theoretische Figur und als Praxis ihr queeres Potential entfalten und patriarchale, kapitalistische Konstruktionen von Familie auf den Kopf stellen kann - und nicht zuletzt, wie wir als junge Künstler*innen mit der Frage von Elternschaft persönlich konfrontiert sind.

 

Leistungsnachweise für alle Veranstaltungen des Lehrstuhls für Philosophie:

Für Modul Kunstpädagogik E.01.09 und Freie Kunst FK-T2 regelmäßige Teilnahme (mind. 80 % Anwesenheit), Anfertigung eines Reaktionspapiers oder Essays (3 bis 5 Seiten);
für Modul Kunstpädagogik E.02.09 und Freie Kunst FK-T4 regelmäßige Teilnahme (mind. 80 % Anwesenheit), Anfertigung einer Hausarbeit (mind. 10 Seiten).

 

Die Veranstaltungen von Prof. Dr. Marietta Kesting (Medientheorie) können ebenfalls als Philosophie-Scheine angerechnet werden. Siehe aktuelles Semesterprogramm des cx.