Programm unter Vorbehalt

 

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Von Aisthesis zu Ästhetik

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo

Vorlesung (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik Modul E.01.09)

Donnerstag 11.00–13.00 Uhr (wöchentlich), Beginn: 23.04.2020

Raum: E.O1.23, E.EG.22 (16.07.)

Anmeldung über das Studierendenportal

 

Was ist Ästhetik? Diese Frage ist nicht nur deshalb unmöglich zu beantworten, weil „Ästhetik“ ein umkämpfter und deutungsabhängiger Begriff ist. Sie ist darüber hinaus auch historisch höchst spezifisch und selbst – nicht nur in der möglichen Antwort, sondern bereits in der Formulierung der Frage – Ergebnis einer historischen

Entwicklung, mit der das Ästhetische erstmals zu einem (philosophischen) Thema wurde. Bezog sich das alte Verständnis von Ästhetik (unter dem Begriff „Aisthesis“) eher auf Sinneswahrnehmung im Allgemeinen, lässt sich im 18. Jahrhundert ein Umbruch verzeichnen: Erstmals wurde Ästhetik mit einer besonderen Form der Erfahrung und einer besonderen Form des Ausdrucks in Verbindung gebracht, die sich von einer unmittelbar-unreflektierten, „natürlichen“ Form der Wahrnehmung unterschieden und darin philosophisch bedeutsam wurden.

Wie lässt sich dieser Umbruch beschreiben und was genau bedeutet er? Inwiefern geht die alte Bedeutung (in neuer Form) in den modernen Ästhetikbegriff ein und wo kommt dabei das Neue her? Zum Verständnis des „modernen“ Begriffs der Ästhetik ist es von wesentlicher Bedeutung, diesen Bruch genauer in den Blick zu nehmen, und zu verstehen, wie (und wogegen) sich dieser Begriff herausgebildet hat. Entscheidend ist dabei auch, den politischen Kontext zu berücksichtigen. Schließlich liegen diese begrifflichen Verschiebungen in einer Zeit revolutionärer Umbrüche – was Jacques Rancière zur Aussage gebracht hat, „die gesellschaftliche Revolution ist eine Tochter der ästhetischen Revolution“. Die Vorlesung wird entsprechend zwei Strategien verfolgen: Auf der einen Seite werden wir die zentralen philosophischen Texte der Zeit betrachten, an denen sich die Herausbildung eines neuen Begriffs der Ästhetik nicht nur zeigt, sondern teilweise auch explizit vorgenommen wird. Auf der anderen Seite werden wir aktuelle (bzw. aktuellere) Texte diskutieren, in denen dieser Umbruch reflektiert und in seiner historischen Bedeutung gedeutet wird. Am Ende der Vorlesung werden wir die Frage „Was ist Ästhetik?“ sicherlich nicht beantwortet, aber womöglich einen Eindruck davon bekommen haben, was in dieser Frage alles impliziert und angenommen ist.

 

Dekoloniale Ästhetik und Negritude

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik Modul E.02.09)

Dienstag, 16.00–20.00 Uhr (zweiwöchentlich), Beginn: 21.04.2020

Raum: E.O1.23, E.EG.22 (14.07.)

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Was Ästhetik ist, was als schön gilt oder was es wert erscheint, in den Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen zu werden, ist geprägt durch eine Geschichte des Kolonialismus und eine Gegenwart rassistischer Verhältnisse. Nicht nur ist die Gültigkeit ästhetischer Kategorien eurozentrisch geprägt, sondern die Institution des Museums hat darüber hinaus an der Etablierung des Kolonialismus auch aktiv mitgewirkt – wie sich etwa an der aktuellen Diskussion um Restitution zeigt.

Diese Verwobenheit von Ästhetik und Kolonialismus wird im Zentrum des Seminars stehen. Dabei werden wir einerseits Ansätze in den Blick nehmen, die sich kritisch damit auseinandersetzen und sowohl die gängigen ästhetischen Kategorien als auch etablierte Kunst- und Ausstellungspraktiken aus dieser Perspektive in Frage stellen. Andererseits werden wir verschiedene künstlerische, theoretische wie politische Bewegungen diskutieren, die versucht haben (bzw. versuchen), durch eine neue Ästhetik diesen weißen Eurozentrismus zu durchbrechen, und darin auch eine anti-koloniale politische Praxis zu vollziehen suchen. Dazu gehört etwa die Negritude-Bewegung der 1930er Jahre, die in ihrem literarischen wie theoretischen Ausdruck einen Kampf um politische wie ästhetische Selbstbestimmung – um eine Neubestimmung dessen, was „schwarz“ sein bedeutet – sah (besonders bekannt sind hier etwa Aime Césaire, Léopolod Sédar Senghor oder Paulette Nardal). Die Negritude hat nicht nur eine Reihe von (teilweise äußerst kritischen) Diskussionen entfacht (hier sind etwa Frantz Fanon und Jean-Paul Sartre zu nennen), sondern auch die europäische Kunst der Zeit sichtbar beeinflusst. In aktuellen Ansätzen einer „black radical aesthetics“ werden diese Diskussionen gewissermaßen aufgegriffen, um – von dort ausgehend und gegen ihre Fallstricke – die Erfahrung des „Schwarzseins“ ästhetisch zu deuten, um nach widerständigen Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Dieser ästhetische Ausdruck wird zu einer politischen Positionierung und zu einem Mittel antirassistischer Kämpfe – aus einer Situation radikalen Ausschlusses heraus, in der jede politische Handlungsmöglichkeit abgeschnitten scheint (zentrale Ansätze sind hier etwa diejenigen von Fred Morten und Hortense Spiller).

In Auseinandersetzung mit diesen Positionen und Ansätzen wird das Seminar die Frage adressieren, wie eine dekoloniale Ästhetik aussehen könnte und welche Rolle die Kategorie „race“ dafür spielen müsste. Damit steht auch der Zusammenhang von ästhetischem Ausdruck und politischer Transformation ganz im Zentrum der Diskussion. Orientieren werden wir uns dabei an den drei genannten thematischen Blöcken: 1. Kritische Perspektiven auf Kolonialismus und Ästhetik; 2. Diskussionen um Negritude; 3. Black Radical Aesthetics.

 

Hannah Arendt – Denken ohne Geländer

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik Modul E.02.09)

Anne Gräfe, M. A. (graefe@adbk.mhn.de)

Donnerstag 15.00–17.00 Uhr (wöchentlich), Beginn: 23.04.2020

Raum: E.EG.22, E.ZG.04 (16.07.)

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Ein „Denken ohne Geländer“ nennt Hannah Arendt (1906 – 1975) ihre Methode des radikal unabhängigen Denkens, das frei von allgemeinen Glaubenssätzen, modischen Denkrichtungen, feststehenden Prinzipien, tradierten Normen und gängigen Vorurteilen ein selbstständiges, reflektiertes Urteilen ermöglicht und Fragen aufzuwerfen imstande ist, deren Aktualität auch in unserer Gegenwart ungebrochen erscheinen. So fragt Arendt beispielsweise angesichts der politischen Ereignisse ihrer Zeit, „Hat Politik überhaupt noch einen Sinn?“. Denn die Krisen der Welt lassen sich oft nicht mit herkömmlichen Erklärungsmustern deuten, noch ließe sich laut Arendt das Ereignis des Totalitarismus als ungebrochene Kontinuität begreifen. Das bedeutet, dass das Denken neu gelernt werden muss, „als wenn niemand zuvor gedacht hätte“. Das Seminar übt mit Arendt, „wie man denkt“, ohne „Vorschriften darüber, was gedacht werden soll oder welche Wahrheiten hochzuhalten wären“. Arendts Antwort auf ihre obige Frage ist denn auch: „Der Sinn von Politik ist Freiheit“. Denn politische Freiheit, Freiheit überhaupt, ist für Hannah Arendt unabdingbar verknüpft mit dem, was Kant sensus communis nennt, Gemeinsinn. Der Gemeinsinn begründet einen stets offen zu haltenden Zwischenraum, in dem sich frei bewegt, gedacht, verhandelt und reflektiert geurteilt werden kann. 

Das Seminar wird jenes reflektierte Urteilen, das aus dem Denken ohne Geländer erwächst, anhand verschiedener Texte Hannah Arendts, u.a. zur Lage der Geflüchteten, zum Eichmann-Prozess, über Revolutionen, Feminismus, Studierendenbewegungen aber auch zu Philosophie und Politik, diskutieren und anhand eigener gegenwartsbezogener Fragen aktualiseren.

 

Vom 27. – 29.05. wird es eine das Seminar begleitende Exkursion zur Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ im Deutschen Historischen Museum Berlin geben.

27.05. 15 Uhr: Besuch der Ausstellung inkl. Kuratorinnenführung + Abendveranstaltung zu Hannah Arendt und die Studierendenbewegung; mit Monika Boll (Kuratorin), Norbert Frei (Historiker, Uni Jena), Philipp Felsch (Kulturwissenschaftler HU), Mathias Schloßberger (Philosoph, Viadrina)

28.05. 16-20 Uhr: gemeinsamer Workshop am Institut für Kulturwissenschaft der HU zusammen mit dem Seminar „Links-Mitte-Rechts“ von Mathias Schloßberger, Europa-Universität Viadrina

29.05.: angefragter Vortrag * Diskussion zu "Hannah Arendt und der Populismus"

Die Teilnehmerzahl ist beschränkt, um vorherige Anmeldung wird gebeten unter graefe@adbk.mhn.de.

 

 

Gesellschaft in Überforderung

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik Modul E.02.09)

Anne Gräfe, M. A. (graefe@adbk.mhn.de)

Freitag 10.00–14.00 Uhr (zweiwöchentlich),  Beginn: 24.04.2020

Termine: 08.05., 05.06., 12.06., 19.06., 03.07., 17.07.

Raum: E.O1.23, E.EG.22 (17.07.)

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Die Ermüdung, Indifferenz oder gar Langeweile, die Betrachter/innen zeitgenössischer Kunst ereilt, kann als jene Art von Aufmerksamkeitsüberforderung verstanden werden, die man erleidet, wenn man versucht, ein Wörterbuch zu lesen (Sianne Ngai). Dass diese Überforderung in Langeweile umschlägt, diese Langeweile wiederum ein kritisches Potential entwickeln kann, soll im Seminar diskutiert werden.

Die Subjekte der Gegenwart unterstehen einem stetigen Aktualisierungsprozess, welcher sich nicht zuletzt in den Arbeiten der Gegenwartskunst niederschlägt. Wurde das Subjekt in der Vergangenheit noch fremdbestimmt und durch ein fremdes „Außen“ diszipliniert, hat sich das Subjekt der Gegenwart oft genug bereits diesen Anforderungen angepasst und Disziplinierung und Kontrolle finden von „Innen“ her statt (Michel Foucault): Die entgrenzten Arbeitsverhältnisse, in denen Flexibilität, ständige Erreichbarkeit und Selbstkontrolle vorausgesetzt werden, wo nicht mehr von 9 bis 5 sondern auf Projektbasis gearbeitet, Zeiterfassung in Vertrauensarbeitszeit und der Arbeitsplatz in Homeoffice umgewandelt wird, wirken sich also weiterhin auch auf das Subjekt der Gegenwart aus, indem sie dieses auch weiterhin „von außen“ disziplinieren. Aber darüber hinaus vollzieht sich innerhalb bestimmter Arbeitsbereiche eine Selbstdisziplinierung qua Anpassung, Autonomisierung und Flexibilisierung, die einer Inkorporierung dieser oben genannten entgrenzenden Anrufungen gleichkommt. In der Leistungsgesellschaft steigern die Subjekte der Gegenwart als „Homo oeconomicus“ (Ulrich Bröckling) ihre eigene Leistungsfähigkeit. Arbeit wird zu einem Lebensprojekt in dem sich Arbeitszeit und Lebenszeit nicht nur überschneiden sondern eins werden. So werden vermeintlich private Momente weiterhin als Optimierungszeit in Form von Sinnerfüllung und Auslastung der Lebenszeit genutzt. Die freie, leere Zeit muss mit Sinn erfüllt werden.

Wenn sich jedoch, trotz aller Bemühungen die Langeweile zu besiegen, gegenüber dem vermeintlich Interessanten und Informativen nicht Sinnerfüllung sondern Indifferenz und Lagenweile einstellen, weil die Überforderung zu groß wird, zeigt sich, wie nah beieinander das Interessante und das Langweilige liegen.

Welche Praktiken und Positionen in der Gegenwartskunst diesen depressiven Hedonismus (Marc Fisher) als neuen buddhistischen Geist des Kapitalismus (Greta Wagner) umsetzen, soll im Seminar neben verschiedenen Gegenwartsanalysen aus Philosophie und Sozialwissenschaft mitdiskutiert werden.

 

Kybernetik und Revolte

Seminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik Modul E.02.09)

Nisaar Ulama, M. A. (ulama@adbk.mhn.de)

Dienstag 16.00–20.00 Uhr (zweiwöchentlich), Beginn: 28.04.2020

Raum: E.O2.29 (28.04., 19.05., 02.06., 16.06.), E.EG.22 (05.05., 26.05., 30.06., 21.07.)

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Das Seminar ist nach einem Text des anonymen Autorenkollektivs Tiqqun betitelt. Verhandelt wird dort eine „kybernetische Hypothese“, nämlich die spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg vorherrschende Überzeugung, dass unsere „biologischen, physischen und sozialen Verhaltensweisen als voll und ganz programmiert und neu programmierbar“ zu betrachten sind.

Tiqqun reihen sich in eine Theorietradition ein, für die politische, technische, ästhetische und ökonomische Entwicklungen der Moderne nur als miteinander verschränkte Phänomene zu analysieren sind. Solche Theorien, von denen einige zu historischen Klassikern und prominenten Stichwortgebern der Kulturkritik geworden sind, sollen im Zentrum des Seminars stehen. Hierzu gehören u.a. Jean-François Lyotards Vorstellungen einer ‚postmodernen‘ Wissensgesellschaft; Paul Virilios Dromologie, der zufolge wir in einem ‚rasenden Stillstand‘ gefangen sind; oder Jean Baudrillards These einer Gesellschaft der Simulakren, in der Kunst und Politik tot sind, da die „Realität selbst […] mit ihrem eigenen Bild verschmolzen ist“. Gegenwärtig werden diese Kritiken von Denkerinnen wie Shoshanna Zuboff oder Luciana Parisi fortgeschrieben, die algorithmische Entscheidungsprozesse und die Totalität eines digitalen Überwachungskapitalismus analysieren.

Doch gibt es auch Stimmen, die auf ein emanzipatorisches Potential des Technischen beharren. Warten wir nicht schon zu lange auf eine befreite menschliche Natur irgendwo jenseits des Technokapitalismus? Das Kollektiv Laboria Cuboniks fordert in ihrem Xenofeministischen Manifest deswegen eine „Politik der Entfremdung“, um andere Realitäten zu ermöglichen: „If nature is unjust, change nature!“

Um die Frage nach gesellschaftlichem Wandel angesichts einer Ohnmacht des Politischen kreisen alle hier genannten Texte, und insofern markiert der Titel von Tiqqun ein Paradox: Lässt die Macht eines abgeschlossenen kybernetischen Systems überhaupt so etwas wie Revolte zu? Wird nicht jedes Außen durch sämtliche Informations- und Bildkanäle zu einem Innen? Ist, mit anderen Worten, alle Rhetorik von Subversion und Widerstand immer schon einberechnet und daher wertlos?

 

Ästhetik des Wahns. Perspektiven auf Kunst und Psychiatrie

Blockseminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4 sowie Kunstpädagogik Modul E.02.09)

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo

Termine: 06.05. 17.00–19.00 Uhr, 05.06. 10.00–18.00 Uhr, 06.06. 10.00–18.00 Uhr

Raum: E.O2.29 (06.05.), E.EG.28 (05.06., 06.06.)

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Der Zusammenhang von Ästhetik und Wahnsinn ist vielschichtig und ambivalent. Das Ideal des Genies postuliert seine Nähe zum Wahnsinn, während die Zuschreibung als „psychisch krank“ zugleich einen Ausschluss – und darin auch eine Absprache ästhetischen Werts – beinhaltet (wie die Rede von „Patientenkunst“ nahelegt). Wenn Genie und Wahnsinn eng beieinander liegen – wer gilt dann als genial und wer als wahnsinnig? Dass diese Aufteilung nicht zufällig und auch nicht unabhängig von Geschlechtszuschreibungen geschieht, lässt sich anhand einer Reihe historischer Beispiele diskutieren. So zeigt sich ein ambivalentes Verhältnis – nicht nur im Verhältnis von Ästhetik und Wahn, sondern auch im Verhältnis von Kunst und Psychiatrie. Auf der einen Seite gibt es eine Idealisierung des Wahns als eines „wahren“ Ausdrucks tiefer und unverfremdeter Innerlichkeit, die auch mit dem modernen Begriff der Ästhetik verbunden ist. Auf der anderen Seite bildet gerade diese Vorstellung – wie Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft eindrücklich zeigt – historisch die Grundlage für die Herausbildung der Psychiatrie und die Etablierung eines repressiven sozialen Ausschlusses des Wahnsinns. Gibt es auf der einen Seite in der Kunst der Moderne, etwa im Surrealismus, eine Faszination für den Wahnsinn, sind auf der anderen Seite visuelle Methoden wie die Fotografie für die Erfindung der Hysterie (Georges Didi-Huberman) und anderer psychischer Krankheiten sowie ihrer Verwissenschaftlichung zentral gewesen. Wie lässt sich dieses Zusammenspiel begreifen? Wir wollen im Seminar verschiedene Stränge verfolgen, um das Verhältnis von Ästhetik und Wahn oder Kunst und Psychiatrie zu beleuchten. Zusätzlich zu den genannten Texten werden wir etwa Antonin Artaud, Friedrich Nietzsche, Luce Irigaray und Hubert Fichte lesen und uns auch Beispiele einzelner Künstler und Künstlerinnen anschauen, die die Erfahrung der Psychiatrie in ihre Arbeiten einfließen lassen.

Das Seminar wird in Kooperation mit dem Psychologen Prof. Dr. Sören Krach (Lübeck) und dem Psychiater und Kunsthistoriker Dr. Maurice Cabanis (Stuttgart) durchgeführt. Es soll aus zwei Blöcken bestehen: Zunächst wird ein Block an der Akademie stattfinden, an dem wir uns anhand von Textdiskussionen dem Thema nähern. Der zweite Block wird eine Exkursion sein, bei der wir die „Sammlung Prinzhorn“ in Heidelberg besuchen, welche die weltweit größte Sammlung künstlerischer Arbeiten von Menschen mit „psychischen Ausnahme-Erfahrungen“ darstellt. Hier sollen die ausgestellten Werke vor dem Hintergrund der Frage des Seminars diskutiert, sowie Form und Rahmung der Ausstellung selbst zum Thema gemacht werden.

 

Reproduktion, Zirkulation, Migration. Gegenwärtige Positionen der Ästhetik

Lehrauftrag

Blockseminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4)

David Weber (weber@adbk.mhn.de)

Termine: 14.05. 14.00–18.00 Uhr, 15.05. 10.00–18.00 Uhr, 16.05. 10.00–16.00 Uhr

Raum: E.O2.29

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Das Blockseminar bietet eine schlaglichtartige Kartierung zeitgenössischer ästhetischer Theorie im Anschluss an prominente Positionen der Moderne und Postmoderne. Aufgegriffen werden Begriffe wie Reproduktion und Reproduzierbarkeit (Benjamin), der Medienspezifik (Greenberg, Fried, Krauss), der Dissemination (Derrida, Barthes) und des Simulakrums (Baudrillard, Deleuze), um ihre diskursgeschichtlichen Transfers in Theorieentwürfe nachzuzeichnen, die sich bemühen, spezifisch zeitgenössische Phänomene zu erfassen. Es geht dabei u.a. um die Verflüssigung und Entgrenzung der Reproduktion im Zeitalter digitaler Netzwerke, wo Aspekte der Dematerialisierung (Lucy Lippard) und der Rematerialisierung („Post-Digital“, Diana Coole) in einem eigentümlichen Double-Bind verschaltet sind. Schon spätestens in den 70er Jahren (Pictures, Crimp) hatte sich die gleißende Tiefe reproduzierter Oberflächen erwiesen; diese gewinnt unterdessen als Zirkulation in den Netzen eine veränderte Dynamik und propagiert Modifikationen im Status der Werke und Autor*innenschaft (Joselit, Steyerl, Price). Gibt es also eine New Aesthetic (Bridle, Sterling, Manovich, Galloway) im Kontext eines post-postmodernen, millennialen Mindsets (New Sincerity, Foster Wallace, Tao Lin)? Die Globalisierung qua Datennetzen ist dabei nicht zu trennen von den Bewegungen der Kulturen, Waren und Menschen: Phänomene der Afroisierung markieren, neben anderen, die Tatsachen verallgemeinerter Migration: Sei es modernistisch-optimistisch: Afro-Futurismus (Anderson, Delaney, Eshun); skeptisch-militant: Afro-Pessimismus (Sexton, Moten, Wilderson); oder post-Ferguson thetisch: This is … Afro-Surrealismus (T. Francis, D. Glover, T. Nance).

 

(Un)Writing gender / Schreiben und Geschlecht

Lehrauftrag

Blockseminar (Freie Kunst FK-T2 und FK-T4, Kunstpädagogik E.02.09)

Dr. des. Hanna Sohns (hanna.sohns@romanistik.uni-muenchen.de)

Termine: 05.05. 12.00–14.00 Uhr, 09.05. 10.00–18.00 Uhr, 20.06. 10.00–18.00 Uhr
Raum: E.EG.28

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Geschlecht ist nicht, zumindest niemals ausschließlich, eine rein natürliche Kategorie. Geschlecht ist das, was in unzähligen Texten, Erzählungen und Imaginationen hervorgebracht wird. Dabei ist die Bestimmung des Männlichen im Verhältnis zu dem, was Freud das zu allen Zeiten gestellte „Rätsel der Weiblichkeit“ genannt hat, Gegenstand eines lange Zeit rein männlich geführten Diskurses. Weiblichkeit wird hier vor allem zur „Kastration“ des Männlichen und ist von einer Bestimmung männlicher Identität nicht zu trennen. Die Erschütterung dieser Verhältnisse durch die feministische Kritik rüttelt so auch nicht nur an dem Verständnis dessen, was Weiblichkeit ‚ist‘, sondern hat grundlegende Konsequenzen für das Verhältnis und das (Selbst-)Verständnis von Geschlechtern.

Die Forderung nach der Stärkung weiblicher Künstlerschaft ist zentraler Bestandteil gegenwärtiger Debatten und stellt auch die institutionellen Strukturen und Abläufe des Kunstbetriebs grundlegend infrage. Das Potential dieser Forderung besteht aber nicht nur in einer bloßen Verschiebung von Machtverhältnissen, was gewiss schwierig genug ist. Noch etwas anderes könnte und müsste hier verstärkt befragt werden und ist doch in der gegenwärtigen Debatte teils auffallend wenig reflektiert: In welchem Verhältnis steht die eigene Künstlerschaft und besonders das Schreiben überhaupt zu geschlechtlichen / körperlichen Erfahrungen? In welchem Verhältnis steht das Schreiben zu den jahrhundertealten Imaginationen von Geschlechtern?

Das Seminar möchte diesen und damit verbundenen Fragen anhand der Lektüre von verschiedenen theoretischen und literarischen Texten nachgehen (insbesondere von Ovid, Sigmund Freud, Simone de Beauvoir, Luce Irigaray, Silvia Bovenschen, Klaus Theweleit, Judith Butler, Chris Kraus, Virginie Despentes, Sheila Heti). Zusätzlich ließe sich für diese gemeinsame Auseinandersetzung auch – sofern Interesse besteht – die eigene Kunstproduktion und hier v.a. die eigene Schreibpraxis in den Blick nehmen.

Das Seminar versteht sich als gemeinsame Diskussion und als Einführung in ein Nachdenken über Geschlechtertheorie und Geschlechterverhältnisse in ihrer Beziehung zur künstlerischen / literarischen Produktion und setzt keine theoretischen Vorkenntnisse voraus.

 

Futurismen: Politik und Ästhetik der Zukunft

Forschungskolloquium Philosophie

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo und Anne Gräfe, M.A.

Mittwoch 17.00–21.00 Uhr,  Beginn: 22.04.2020

Termine: 29.04., 13.05., 27.05., 17.06., 24.06., 08.07.

Raum: E.ZG.04 (22.04.), E.O2.29 (29.04., 13.05., 17.06.), E.EG.22 (27.05.), E.O1.23 (24.06., 08.07.)

 

Was für eine Art von ästhetisch-politischer Kategorie ist „Zukunft“? Was bedeutet und was impliziert es, sich auf die Zukunft zu berufen? Offenbar kann „Zukunft“ nicht nur sehr unterschiedliches meinen, sondern auf sehr unterschiedliche Weise eine wirksame Kategorie sein.

Der italienische Futurismus der 1910er und ‘20er Jahre fordert eine Befreiung der Kunst von ihrer nostalgischen Bindung an die Vergangenheit, um sich durch die volle Entfaltung kreativer Energien in „Schöpfung und Tat“ der „Zukunft“ zu öffnen, worin eine deutliche – und in ihrem Verlauf immer explizitere – Nähe zum Faschismus lag. Von einer Modernisierung der Kunst wollte man zu einer Politik übergehen, die „gewalttätig“, „freiheitlich“, „dynamisch“ und von der „Schönheit“ des Krieges und der Gefahr geleitet sei. Wenn heute der sogenannte „Akzelerationismus“ ebenfalls verspricht, die Zukunft zurückzuholen, so ist damit explizit ein anderes politisches Programm gemeint, das sich als antikapitalistisch und emanzipatorisch versteht. Dennoch gibt es hier klare Bezüge zum historischen Futurismus, die sich insbesondere in der Kategorie der „Zukunft“ zeigen. Das Beispiel des „Afrofuturismus“ zeigt, dass die fiktive Bezugnahme auf eine utopische, aber nicht konkret bestimmbare, Zukunft auch die Möglichkeit öffnet, über schlechte – rassistische – Verhältnisse hinauszudenken. Eine solche Zukunft ermöglicht eine antirassistische Politik, in der die Kategorien und Identitäten, gegen die man sich wehrt, nicht festgeschrieben werden. Auf der anderen Seite verdeutlicht die – kritisch gemeinte – Kategorie „Reproductive Futurism“ (Lee Edelman), wie die Zukunft zu einer unhinterfragbaren normativen Instanz werden kann (etwa in der Rede von den „zukünftigen Generationen“), durch die jede politische Handlungsfähigkeit in der Gegenwart begrenzt wird. Es stellt sich von hier aus unmittelbar die Frage, inwiefern sich dies auch über die Bezugnahme auf die Zukunft in der „Fridays for Future-Bewegung“ sagen lässt. Darüber hinaus verbindet sich mit der Kategorie „Zukunft“ stets auch der strategische Anspruch von Verbesserung, Optimierung, Fortschritt – Kategorien, die ihrerseits stark neoliberal geprägt wurden und mittlerweile in sämtliche Gesellschaftsbereiche hineinragen.

„Zukunft“ bedeutet eine Öffnung, eine Unbestimmtheit, die Hoffnung auf eine Bewegung der Veränderung, in der die Gegenwart zur Vergangenheit geworden ist. Dass dies in gänzlich unterschiedlicher Weise geschehen kann und sowohl auf ein utopisches Moment verweisen als auch repressiv und zerstörerisch funktionieren kann, soll im Oberseminar diskutiert werden. Indem wir uns mit verschiedenen hier genannten „Futurismen“ auseinandersetzen, versuchen wir die verschiedenen Stränge, Bedeutungsdimensionen und internen Ambivalenzen im Zukunftsbezug zu verstehen und zu systematisieren. Zwei der Sitzungen (13.05. und 17.06.) fungieren als Doktorand_innenkolloquium, in denen zukünftige Dissertationen, Abschlussarbeiten und Forschungsprojekte besprochen werden.

 

Forschungskolloquium (für Masterabsolvent_innen, Doktorand_innen und Post-Doktorand_innen)

Prof. Dr. Marina Martinez Mateo; Anne Gräfe, M.A.

Mittwoch, 17.00 – 21.00 Uhr; Termine: 13.5.2020, 17.6.2020

Das Forschungskolloquium bietet die Möglichkeit, laufende philosophische, ästhetische oder kunsttheoretische Qualifikationsarbeiten vorzustellen und zu diskutieren.

Teilnahme nach vorheriger Anmeldung unter: graefe@adbk.mhn.de

 

 

Full Surrogacy Now

Lehrauftrag der Frauenbeauftragten

Blockseminar (Freie Kunst FK-T2)

Yana Thönnes (yanaevathoennes@gmail.com)

Termine: 29.05. 14.00–17.00 Uhr, 05.06. 10.00–17.00 Uhr, 06.06. 10.00–17.00 Uhr

Raum: E.EG.22

Anmeldung über das Studierendenportal

 

Where pregnancy is concerned, let every pregnancy be for everyone. Let us overthrow, in short, the 'family'

 

Schwangerschaft ist immer noch ein ungelöstes Problem.

Das Seminar “Full Surrogacy Now” wird sich mit dem Mythos Mutterschaft beschäftigen, indem es eine Gegenfigur analysiert: Die Leihmutter.

Anhand der Lektüre von “Full Surrogacy Now - Feminism Against Family” von Sophie Lewis werden wir verschiedene Themen rund um das Phänomen Leihmutterschaft beleuchten: Surrogacy (von lat surrogare: ersetzen) interessiert uns zunächst als Phänomen der bezahlten Reproduktionsarbeit, welche in neoliberale Machtgefälle entlang von Gender, Klasse, Race und Kaste verstrickt ist.

In der Untersuchung der Mechanismen, die reproduktive globale Ungleichheiten hervorbringen, werden wir den Markt rund um den “Traum vom genetisch verwandten Kind” sondieren: Fallstudien von indischen sogenannten Baby-Farmen und die globalen Wege von Eizellen, Spermien, den sogenannten commissioning parents und Leihmüttern dienen uns als Grundlage, um das ökonomische Feld zu verstehen. Schließlich fokussieren wir uns auf die Arbeit der Leihmütter selbst, die sich zwischen Affektkontrolle, emotionalem Management, ständiger Verfügbarkeit und Stigmatisierung abspielt.

Im zweiten Teil des Seminars soll der Mythos Mutterschaft als Darstellungsthema der jüngeren Kunstgeschichte sowie zeitgenössischer Positionen beleuchtet werden. Abschließend gilt es, zu diskutieren, wie Leihmutterschaft als theoretische Figur und als Praxis ihr queeres Potential entfalten und patriarchale, kapitalistische Konstruktionen von Familie auf den Kopf stellen kann - und nicht zuletzt, wie wir als junge Künstler*innen mit der Frage von Elternschaft persönlich konfrontiert sind.