Ausstellung von Prof. Gregor Hildebrandt
Eröffnung: 2020-03-05 18:00
Öffnungszeiten: Bis auf weiteres verschoben
Ort: Galerie Wentrup | Knesebeckstr. 95 | Berlin
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Fliegen weit vom Ufer fort, der Titel der 8. Einzelausstellung von Gregor Hildebrandt bei Wentrup, ist eine Zeile eines ergreifenden Seemannslieds Die großen weißen Vögel, welches Ingrid Carven im Jahr 1979 veröffentlichte. Darin besingt die gefeierte deutsche Schauspielerin, Chanson-Sängerin, Diseuse und Diva mit ihrer unverwechselbaren Stimme und einer melancholischer Tiefe die Möven, auf deren Schwingen die Seele der Seeleute getragen werden.

 

So wie Gregor Hildebrandt (*1974) ist auch Carven aus dem Saarland, wo beide großgeworden sind. Im saarländischen Sulzbach steht das Haus seiner Großmutter, genannt „Oma Gisela“. Dort, neben der Tür am Hauseingang, scheinen auf einem künstlerisch gestalteten Glasfenster drei der besungenen weißen Vögel auf dem Weg in die Ferne aufzubrechen. Schon als Kind hat Hildebrandt dieses lichtdurchflutete Mosaik aus Glasbausteinen bestaunt, wie die Möven zur Tür rausfliegen. 

 

Die zentrale Arbeit Ein Lied von Wiederkehr ist insofern eine Hommage an den aus Ungarn stammenden Künstler und Architekten György Lehoczky (1901-1979), der, trotz seiner aufsehenerregenden lokalen Aufträge, weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Lehoczky hat im Saarland überall Spuren hinterlassen, indem er zwischen 1949 und 1966 viele Gebäude, darunter Bahnhöfe, Kirchen Schulen und eben auch Wohnhäuser gestaltete - so wie ebenjenes von Oma Giesela. Nicht zuletzt durch diese leuchtend blaue Einzelanfertigung hat er sich speziell als Glasdesigner einen Namen gemacht. Hildebrandt erweckt sein blaues Fenster zu neuem Leben, indem er die Steine mit ausgeschnittenen Vinyl-Schallplatten nachempfindet. Für die aktuelle Ausstellung hat Hildebrandt das Motiv so gedreht, dass die Möve diesmal durch die Glastür der Galerie in die Welt hinausfliegen können. 

 

Auch der Titel, ebenfalls dem erwähnten Lied Carvens entlehnt, verstärkt die autobiografischen Saarlandreferenz: Der Songtitel der Münchener Band Anne, die Hildebrandt produziert und die von seinen saarländischen Jugendfreunden und einem Studenten seiner Klasse (Hildebrandt ist Professor an der Kunstakademie München) gegründet wurde.

 

Obwohl die Stimmen der unterschiedlichen Musikstücke zwar nicht hörbar sind, gelingt es Gregor Hildebrandt mithilfe der ihnen innewohnenden Geschichten das Kunststück unmittelbar verschiedene Dimensionen zu einem persönlichen Geflecht zu verdichten.

 

Zurück zu Carvens übergreifenden Fliegen weit vom Ufer fort, welches seit 2007 als das letzte Lied nach der Zugabe bei Konzerten der von Hildebrandt seit jeher geschätzten Band Tocotronic gespielt wird und damit eine Brücke zur Installation Ich habe Stimmen gehört schlägt. „Der Weg war weit“, so heißt es in diesem titelgebenden Song „ich war wie Treibholz der Zeit“.

 

Holz war auch das Motiv eines Bildes der vergangenen Ausstellung bei Wentrup, In den Adern des Holzes sehe ich Gesichter, eine gerahmte Tafel, auf der Scheiben von aufgespulten Tonbändern in Form eines Hirnholzparketts angeordnet sind. Die lackierten Holzbalken, die bisher massivsten dieser vor kurzem begonnenen Serie , sind wie von einer stark reflektierenden braunschwarzen Maserung durchzogen, erscheinen wie dunkles Rosenholz oder Palisander. Ein träumerisches Spiel in dem sich die Dimensionen der Wahrnehmung überlagern. Der schöne Schein trügt - besteht der Baumstamm eigentlich aus um ein Rädchen gespulte Tonbänder - und zugleich auch nicht. Beide Objekte stehen sowohl für sich selbst als auch für die Darstellung einer hölzernen Fläche; sind Rohstoff, Skulptur und Abbild zugleich.

 

Die Referenz zum Material Holz zieht Hildebrandt konstant durch sein Werk, lässt Bezüge zu Künstlern im Grenzbereich der Pop und Minimal Art wie Richard Artschwager aufflackern, und nimmt gleichzeitig auch einen Rückblick auf sein eigenes Frühwerk aus dem Jahr 2003 vor. Als eine seiner ersten Arbeiten überhaupt hat Hildebrandt Fichtenbaumscheiben zu Schallplatten ernannt, statt Kunststoffrillen stehen hier Baumringe für den Sound.

 

Draußen vor der Tür, begegnen wir unter der aus Kassettenbändern gewobenen schwarzen Fahne, (fast) auf Augenhöhe einem anderen wiederkehrenden Motiv seines Werks: der Schachfigur des Bauern. Durch die schiere Größe zu einem Menschen personifiziert steht die schwarze Bronzeskulptur wie ein stolzer Wächter angewurzelt da. 

 

Es ist kein Zufall, dass uns die Form dieses Standbilds unweigerlich an die Umrisse einer uns allseits bekannten Halbwüchsigen mit einem gleichermaßen weit ausladendem Rock erinnert: Steht hier etwa in Wahrheit die verwandelte Infantin Margarete Theresa aus Diego Velázques‘ Gemälde Las Meninas vor uns? 

 

Neben der Welt der Musik und Kulturtransmitter – Schallplatten, Tonbänder und Videokassetten – ist das Schach-Spiel die weitere große Schatzkammer, aus welcher er konstant Ideen und Formen schöpft. Mit diesem Konzept erfasst Hildebrandt die verborgene Schönheit und Romantik alltäglicher, nahezu obsolet wirkender Dinge neu. 
So fächert sich der Rundgang durch die Ausstellung bis in den hinteren Raum auf. Dort zeigt Gregor Hildebrandt erstmalig in Dauerschleife als Film seine virtuelle Sammlung von Schachbrettern, deren Muster er unermüdlich fotografiert, wenn er eins irgendwo entdeckt. Und das ist erst der Anfang.

 

 

Wentrup Gallery