Klasse Prof. Armin Linke  |  Raum Altbau | Textilwerkstatt, A.EG.10  |  Visit Website
There is no translation available.

 

Kokon

Auf den ersten Blick erscheint Kokon als stilles Wunder: ein weißer, kugelförmiger Körper, der wirkungsvoll im Raum schwebt. Aus der Ferne wirkt er geschlossen und vollkommen, aus der Nähe jedoch scheint sich diese Einheit in Auswölbungen, Polster und wolkenartige Volumina aufzulösen. Der Körper verharrt in einem permanenten Spannungsverhältnis zwischen Zusammenhalt und Auflösung, Schutz und Öffnung, Verletzbarkeit und Resilienz. Unweigerlich ruft diese Erscheinung eine körperliche Erinnerung hervor: das kindliche, irrationale Vertrauen, sich aus großer Höhe in ein Meer aus Wolken fallen lassen zu können, so als würde eine weiche Herde wolliger Schafe den Sturz auffangen. Ein Wissen, das jeder Logik widerspricht und doch tief im Inneren verankert ist. Kokon berührt genau diesen Moment: den Zwischenraum von Geborgenheit und Angst, von Hoffnung und Kontrollverlust. Seine Stärke liegt darin, sich einer eindeutigen Lesart zu entziehen. Das Werk fungiert als Erfahrungsraum, in dem Unaussprechliches sichtbar wird und Erkenntnis als offener, vorläufiger Prozess erfahrbar bleibt. Kokon ist Skulptur, Objekt, Raum und Kleidungsstück zugleich. Als organischer Körper behauptet er Nähe zu Natur und Biologie und schöpft seine Stärke aus Verletzlichkeit. Gleichermaßen fungiert er als Schutzhülle, in dem er eine Distanz zum Außen herstellt. Gefertigt aus Schaumstoff und feiner Gaze verweigert die Künstlerin jede makellose Oberfläche, indem Nähte, Wülste und Erhebungen bewusst sichtbar bleiben. Sie fungieren als Archiv von Verletzungen, gesammelten Narben und Heilungsversuchen. Mit diesem Ansatz steht das Werk in einer langen kunsthistorischen Tradition: Kunst als Transportmittel des Inneren, als sozialer und emotionaler Resonanzraum. Ein stilles, kraftvolles Objekt, das Schutz verspricht, ohne Verletzlichkeit zu leugnen. Das zentrale Werk wird durch eine Gruppe an Zeichnungen und Fotografien ergänzt. Während sich die zarten Gouachen auf die formale Entwicklung und Struktur im Kokon beziehen, erlauben die großformatigen Fotografien einen Einblick in die performative Anwendung des Objekts.


Text: Susanne Ehrenfried-Bergmann

 

Instagram