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In ihrer dreiteiligen Werkgruppe entwirft Ruscha Voormann ein Denkmodell, das Wahrnehmung als körperlich und zeitlich gebundene Praxis begreift. Anstelle von Objekten oder Zeichen rücken Beziehungen, Übergänge und Verhältnisse ins Zentrum und damit die Frage, wie Erkenntnis unter den Bedingungen komplexer Systeme überhaupt organisiert werden kann.

 

Das monumentale Gemälde Aquarius (360 × 500 cm) zeigt transluzente Farbschlieren in Blau-, Türkis- und Petroltönen, durchsetzt von warmen Akzenten in Ocker und Rost, die auf schwarzem Grund beinahe zu schweben scheinen. Die Formen – weder streng geometrisch noch rein organisch – erinnern an Lichtreflexe, Wasserströmungen oder diagrammatische Skizzen und verharren in einem liminalen Zustand zwischen Möglichkeit und Manifestation. Voormann arbeitet konsequent analog mit Pinsel und Schaumstoffrolle, während die Bildlogik an digitale Vektoren und Strömungsmodelle denken lässt. In diesem Spannungsfeld entsteht eine post-digitale Malerei, die digitale Denkweisen in ein physisches, widerständiges Medium übersetzt. Der Titel verweist dabei weniger auf Mythologie als auf ein Denkmodell: Durchlässigkeit, Instabilität, permanente Transformation. Das Werk verweigert einen privilegierten Blickpunkt und bietet stattdessen eine situierte Wahrnehmung an, die als Zeitdiagnose gelesen werden kann: Vernetzung, Zirkulation und systemisches Denken als Signaturen gegenwärtiger Erfahrungsweisen.

 

Die flankierenden Plexiglasarbeiten Sternbild (Pol A) und Sternbild (Pol B) (je 240 × 175 cm) beschränken sich auf weiße Akzente vor Schwarz: bandartige Linien und eine scheinbar unendliche Vielzahl kleiner Punkte wie Sterne am Nachthimmel. Durch die spiegelnden Oberflächen finden Betrachtende unweigerlich ihr eigenes Abbild im Werk wieder – Körper, Raum und Hintergrund werden verzerrt und in den gemalten Sternenhimmel hineinprojiziert. Die Betrachtung selbst, als flüchtiger und subjektiver Prozess, wird so zum konkreten Inhalt des Bildes. Voormanns Sterne sind keine vorgefundenen Konstellationen, sondern gesetzte. Dennochsucht das Auge nach Mustern und Bedeutungen, die womöglich erst im Sehen selbst entstehen. Der Blick in den Himmel, traditionell mit der Sehnsucht nach Orientierung und Erkenntnisverbunden, kippt hier ins Fiktionale und verweist auf die fortwährende Aushandlung dessen, was als Realität und Wahrheit gelten soll.

 

Als Werkgruppe entfalten die drei Arbeiten ein Denkmodell, in dem Erkenntnis nicht abgebildet, sondern erlebt wird. Sie fragen danach, wie wir uns innerhalb komplexer Systeme orientieren und in Beziehung setzen – zu anderen, zu uns selbst, zur Welt.

 

Text von Emilia Radmacher

 

https://www.instagram.com/ruschavoormann/