Vertikale Haltungen
Was wäre, wenn Vertikalität keine hierarchische Distanzierung bedeutete, sondern ein
Herausfigurieren – eine bewusste Haltung der Aufmerksamkeit gegenüber Raum, Last und Zeit? Verwindungen und Verwehungen, nicht messbare Phänomene, formen sich zu eigentümlichen Figuren und werden dadurch körperlich erfahrbar. Atlanten und Karyatiden, die Eingangsportale von Palästen bewachen oder Erker hoher Zinshäuser tragen, erscheinen hier nicht als erzählende Darstellungen, sondern als Akte des Ausbalancierens von Kräften. Aus der Übersetzung von Körper über Skulptur und Architektur zu Malerei ergibt sich eine stoffliche Verdichtung.
Die Ausstellungswand wird selbst zur tragenden Struktur. Kleine Holzformate schichten sich zu einer rhythmischen Säule, Hochformate werden zu Achsen. Den gipsweißen Statuen wird im Übersetzen in die Ölmalerei ein neues Farbgewand verliehen, das sich im Wechsel von gelbgrünem Licht und Rockfalten moduliert und dabei eine unheimliche Präsenz erzeugt. Die koloristische Behandlung verbindet die Mannigfaltigkeit der individuellen Gesten zu einem zusammenhängenden Gefüge.
Der Kreis der Übersetzung endet nicht in der Malerei, sondern setzt sich in Worten fort. Die scheinbare Unerschöpflichkeit der Motive wird in einem Briefwechsel zwischen der Künstlerin und dem Käufer zweier Werke weitergeführt – eine Konversation über das, was sich in der Malerei und durch die Malerei bewegt. Sie kreist um Autonomie und Neuschöpfung, um das Phänomen des Zeitgeists und die Bedeutung von Entrücktheit. Zukunft wird nicht als ferne Dimension verstanden, sondern als bewusste Haltung zur Gegenwart. Während die Vertikale Verdichtung und Haltung markiert, öffnet sich in der Horizontalen ein Feld der Ausdehnung, des Alltäglichen, des Verweilens. Bilder werden zu Orten eines zeitweiligen Bewohnens. Die Ausstellung gibt keinen fixierten Standpunkt vor, sondern lädt dazu ein, Haltungen bewusst einzunehmen.
Die Ausstellung gliedert sich in (von rechts nach links):
Die Tiefe des Scheins, Die Stofflichkeit des Windes, Die Schwerelosen
Das Gewicht des Staunens, Die Präsenz der Stille, Die Säule der Masken
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