Debütantinnenförderung (m/w/d)
Klasse ehem. Prof. Peter Kogler  |  Raum Altbau | A.O1.22  |  Visit Website
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„Conceptual art, for me, means work in which the idea is paramount and the material form is secondary, lightweight, ephemeral, cheap, unpretentious and/or “dematerialized,” schrieb Lucy R. Lippard 1973 in Six Years1. Ihre heute wegweisende Publikation stellte den Versuch dar, sich einer Kunstform anzunähern, die zu dieser Zeit zunehmend an Bedeutung gewann, und ihre verbindenden Eigenschaften anhand exemplarischer Werke zu benennen. „Dematerialisiert“ konnte Kunst fortan nicht nur als Objekt, sondern ebenso als Idee oder Handlung begriffen werden.

 

In einem post-konzeptuellen Ansatz kreist die Diplomarbeit von The BERG um die Idee der „institutional mimikry“. Ausgangspunkt ist die Architektur des Raums selbst und jene Grundelemente, die ihn konstituieren: Boden, Wände, Fenster, Licht, Temperatur. Viele dieser Elemente tragen die Spuren jahrzehntelanger künstlerischer Arbeit. Mit reduzierten, minimalen, teils kaum wahrnehmbaren Interventionen greift The BERG in die Identität des Klassenraums ein und hinterfragt damit den Status der Institution der Akademie der Bildenden Künste München sowie die in ihr eingeschriebenen Machtstrukturen.

 

Die Fenster sind mit einer milchigen Folie überklebt, die zwar Licht hineinlässt, jedoch keine Information von außen weitergibt. In einem scheinbaren Schwebezustand ohne Zeit und Ort wird ein einziges offenes Fenster zu einem lebendigen Bild. Ihm gegenüber hängt in einem Leuchtkasten eine in Dimension und Blickwinkel übereinstimmende Fotografie desselben Fensterausblicks aus dem Akademiegebäude. The BERG hat den Holzboden abgeschliffen und in einem neutralen Grauton gestrichen. Die abgetragenen Überreste des Klassenraums sind in einen Block gegossen, der die Raumnummer trägt und die Maße einer einzelnen Holzdiele aufgreift. Mit diesem Prozess findet nicht nur eine Archivierung statt, der Künstler lenkt die Aufmerksamkeit ebenso auf die Verhältnismäßigkeit von Material, Form und Raum sowie auf dessen Geschichte. Auch an anderer Stelle thematisiert er die Beziehung zwischen Raum und Objekt: Das begrenzte Fliesenfeld hinter dem Waschbecken wird in seiner räumlichen Ausdehnung zu einer Säule, die bis knapp unter die Decke reicht. Von dort oben hängt ein zweites Regal wie eine Kopie des Originals umgekehrt herab. In dem The BERG zwei Heizkörper frei in den Raum gelegt hat, lenkt er auch mit dieser nahezu Duchamp’schen Geste die Aufmerksamkeit weg von deren Funktionalität als vielmehr auf deren formale Aspekte und ihre Objekthaftigkeit.

 

The BERGs Installation vereint unterschiedliche Strategien der räumlichen Aneignung, Imitation und Umkehrung. Viele Interventionen wirken leicht, die Materialien unprätentiös, und in ihrer konsequenten Ortsspezifik sind sie wesentlich ephemer – ähnlich wie die Performances des Künstlers. Auch diese sind meist subtil und zugleich subversiv angelegt: gesellschaftliche Konventionen und ihre Einschreibungen werden hinterfragt, etwa wenn nach einer ritualisierten Begrüßung mit Körperkontakt ein vom Künstler gewählter Duft haftenbleibt oder wenn ein Artist Talk die gewohnte Vorstellung einer Gesprächssituation unterläuft.

 

In RAUM (2026) überträgt The BERG die Handlungsmacht schließlich auf das Publikum. Seine Eingriffe navigieren die Besucher:innen auf neue Weise durch den Klassenraum und fordern eine veränderte Wahrnehmung heraus. Indem der Raum seiner ursprünglichen Funktion und institutionellen Autorität entzogen wird, geht diese auf das Publikum über – und realisiert damit jenes von Lippard beschriebene Verständnis von Kunst, in dem Idee, Handlung und Erfahrung die materielle Form überwiegen.
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1.Lucy R. Lippard, Six Years: the Dematerialization of the art object from 1966 to 1972: a cross-reference book of information on some esthetic boundaries: consisting of a bibliography into which are inserted a fragmented text, art works, documents, interviews, and symposia, arranged chronologically and focused on so-called conceptual or information or idea art with mentions of such vaguely designated areas as minimal, anti-form, systems, earth, or process art, occurring now in the Americas, Europe, England, Australia, and Asia (with occasional political overtones), edited and annotated by Lucy R. Lippard, University of California Press, Berkeley u.a. 2001, p. vii.

 

 

Text von Madeleine Freund

Fotos von Milena Wojhan

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