„Just as industrial civilization flourished at the expense of nature and now threatens to cost us the Earth, an information civilization shaped by surveillance capitalism and its new instrumentation power will thrive at the expense of human nature to cost us our humanity.“ — Shoshana Zuboff, 2019
TAKE care
In der Installation TAKE care werden Livestreams von Tieren an unterschiedlichen Orten in Echtzeit gezeigt. Während die Besucher*innen die Tiere beobachten, richtet sich der Blick zugleich auf sie selbst: Echtzeit-Videoinstallationen erfassen Körper, Gesichter und emotionale Regungen und übersetzen sie in messbare Daten. Ein weiterer Erkennungscode analysiert die Tiere in den Videostreams. Mensch und Tier werden so gleichzeitig betrachtet, erfasst und klassifiziert. Ausgehend Logiken sozialer Plattformen greift die Installation das starke affektive Potenzial von Tierbildern auf.
Damit steht unmittelbar die Frage im Raum: Wann dient Beobachtung tatsächlich dem Wohl des beobachteten Wesens, wann den Interessen eines Systems, das beobachtet? Wer kann einer solchen Beobachtung zustimmen, sie verstehen oder ihr widersprechen? Wer wird durch die versprochene Fürsorge geschützt, wer wird klassifiziert und wer profitiert von den entstehenden Daten?+
Der Titel TAKE care hält diesen Widerspruch offen. „Care“ bezeichnet Fürsorge, Aufmerksamkeit und Anteilnahme. „Take“ bedeutet aber auch nehmen und sich etwas aneignen. Die Aufmerksamkeit, die einem anderen Wesen gilt, kann selbst zur Ressource werden.
Diese Verschiebung ist Teil jener Logik, die Shoshana Zuboff als Überwachungskapitalismus beschreibt: Digitale Umgebungen schaffen Nähe, Beteiligung und persönliche Ansprache, während im Hintergrund fortlaufend Daten produziert werden. Körperliche und emotionale Zustände werden technisch lesbar gemacht. Aufmerksamkeit, Reaktionen und Verweildauer können registriert, ausgewertet und wiederum genutzt werden, um Inhalte und Interfaces anzupassen.
Die Tiere sind dabei nicht nur Anlass für menschliche Anteilnahme. Auch sie geraten unter den technischen Blick. Der Erkennungscode versucht, das Sichtbare zu bestimmen und zu kategorisieren. Beobachten, Vermessen und Fürsorgen lassen sich nicht mehr eindeutig voneinander trennen.
Diese Verbindung setzt sich in den physischen Elementen der Installation fort.
Lebende Schilfrohre werden innerhalb der Ausstellung umsorgt. Zugleich verweisen sie auf die Geschichte des Wortes „Kanon“: Das griechische kanōn bezeichnete ursprünglich einen geraden Stab oder Messstab und leitet sich vom Rohr beziehungsweise Schilf ab. Aus einem konkreten Werkzeug des Messens entwickelte sich die Bedeutung von Maßstab, Regel und Norm. Die lebenden Pflanzen stehen damit neben den technischen Systemen, die ebenfalls bestimmen, was erkannt, gemessen und eingeordnet werden kann.
Zwei Ellen aus Wachs führen eine weitere Form des Vermessens ein. Die Elle ist ein historisches Körpermaß, abgeleitet vom menschlichen Körper und zugleich dazu benutzt, die Welt außerhalb dieses Körpers zu messen. Während die technischen Systeme der Installation Körper, Gesicht und emotionale Regungen erfassen und in Daten übersetzen, erinnert die Elle daran, dass Maßsysteme selbst einmal unmittelbar körperlich waren: Der Körper war nicht nur das Vermessene, sondern auch das Maß, mit dem die Umgebung vermessen wurde.
Zwischen Livestream, Kamera, Algorithmus, Schilf und Elle verschiebt sich damit immer wieder, wer betrachtet und wer betrachtet wird, wer misst und wer zum Maß wird.