SAFRAN SKYLINE
Austellungstext: Mara Yakuba und Cosima Sperling, Projektbegleitung: Thierry Boissel, Kuration: Olena S. Balun
„Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt“,
Dschalal ad-Din Rumi (1207-1273), Persien heutiges Iran
Aufgewachsen in Deutschland mit ihrer deutschen Mutter, mit einem Iranischen Hintergrund seitens ihres Vaters, beschäftigt sich Leyla Schiemenz Diplom Arbeit Safran Skyline mit Zwischenräumen, die von Migration und Transformation geprägt sind. Eingefangen in einem Lichtspiel erzählt ihre künstlerische Arbeit eine Geschichte von gelebter Migration in Deutschland. Sie erzählt von einem Leben im Dazwischen und davon das Migration mehr bedeutet als nur das Ankommen an einem neuen Ort. Sie ermöglicht dem stillen Betrachter einen Einblick in ihre innere Gefühlswelt einen intimen Einblick in ihre gelebte Geschichte.
Leyla Schiemenz, deutsch und iranischer Abstammung, Meisterschülerin von Prof. Andrea Büttner, ist Malerin, DJ und Aktivistin. Geprägt von ihren Wurzeln und Religionen, bewegt sich ihre künstlerische Praxis zwischen konzeptuellen und historischen Praktiken, in einem spielerischen Umgang mit Figuren, Symbolen und deren semantischen Kontexten ineinander vereint Safran (Farsi: زعفران za’faran), eines der kostbarsten Pigmente der Welt, ist ein iranisches Kulturgut. Er muss in den frühen Morgenstunden geerntet werden, geschieht dies zu spät, wird dieser vom Licht zerstört. Diese Abhängigkeit vom Moment spiegelt sich auch in ihrer Arbeit wider: Auch diese Malerei existiert nur in bestimmten Augenblicken, nämlich zu Zeiten wo das Licht des Tages durch die Fenster des Vestibüls erklimmt. Es entsteht ein Echoraum, in dem sich die Wahrnehmung verengt, bis nurnoch Farbe und der daraus resultierenden Rhythmus des Lichts zurückblieben. Safran im iranischen Kontext, trägt die Farbe des Lichts in sich und verkörpert kulturelle Identität sowie tief verwurzelte symbolische Vorstellungen. In der persischen Dichtung erscheint Safran als Metapher für Licht und spirituelle Tiefe. Die Skyline markiert nicht nur wo die Stadt endet und deren Vorstellung beginnt, sondern auch die stille Ordnung die den urbanen Raum rahmt. In diesem Moment wird die Stadt zur Bühne und öffnet sich einem leisen Dialog des Geschehens. Eingefangen im Spiel des Licht lädt Schiemenz den stillen Betrachter ein in eine ihm fremde Lebensrealität einzutauchen und sinnlich zu erfahren.
Ihre künstlerische Arbeit ist verbunden mit einer Heimat und deren Geschichten, welche sich nicht auf einen Ort reduzieren lässt. Transformationen welche die Wanderung von Menschen und Zeichen bildet, historisch etwa entlang der Seitenstraße und gegenwärtig in urbanen Räumen.
Der Bezug zu ihrem persönlichen Heimatsbegriff ihrer beiden Herkunftsländer, bildet keinen abgeschlossenen Hintergrund, sondern einen Echoraum, hierbei in Form von Licht und Farbe. Im welchen persische Ornamenttraditionen und rhythmische Wiederholungen stattfinden und gleichzeitig komplexe Farblogiken, welche sich im europäischen mittelalterlichen Malereien auf Goldgrund, insbesondere in der christlichen Ikonen- und Tafelmalerei der Gotik wiederfinden lässt. Hierbei treffen ihre Erfahrungen des Dazwischen-Seins, ihre iranischen und deutschen Wurzeln aufeinander und spiegeln ihre Vergangenheit und Gegenwart in einer Glasmalerei wieder. Dadurch entsteht ein Lichtspiel welches sich mit dem einfallenden Tageslicht stetig verändert und den Raum atmosphärisch neu formt. Es entsteht ein Echoraum, wo Wahrnehmung sich verengt bis nur noch Farbe, Geste und der daraus resultierend Rhythmus des Lichts zurück bleiben.
Diese ornamentale Bildlogik steht zugleich in Beziehung zu subkulturellen Bildpraktiken wie Graffiti, sowohl in ihrer historischen Entwicklung als auch in ihrer gegenwärtigen Form. Graffiti war und ist eine politische Praxis der Aneignung und Sichtbarkeit des öffentlichen Raumes. Durch Übermalung oder Verdrängung entstehen Schichten und Bilder bleiben oftmals nur temporär, nie abgeschlossen. Diese Logik der Vergänglichkeit findet sich hier wieder. Formen brechen auf und setzen sich neu zusammen. Ornament und Graffiti begegnen sich hier als verwandte Strategien, beide operieren jenseits Ordnungssysteme und verweigern Anspruch auf Dauerhaftigkeit und Eindeutigkeit.
Der Sahara Sand welcher aus der Wüste kommt, tragend mit dem Licht aus Teheran, erfüllt das Vestibül mit atmosphärischen Licht und erzählt eine Geschichte von Migration. Der von Schiemenz geschaffener Lichtraum ist kein abgeschlossener Ort, er wirkt über sich hinaus, im wechselnden Licht und in Körpern die ihn durchqueren. Ein Echoraum welcher Vergangenheit und Gegenwart vereint und eine Vermischung von Kulturen und Religionen ermöglicht und tiefergehende Fragestellungen eröffnet. Wie sehen die kulturellen Wurzeln in uns aus und wo schlagen wir sie auf? Was prägt uns und wie beeinflussen wir unsere Umgebung?
Was bedeutet letztendlich Heimat für uns? Vielleicht ist es ein Ort wo man zusammen sich trifft um Tee zu trinken, wo man zusammen die Hallen entlang läuft und ein Gespräch führt, wo ein Zwischenraum zu einem Ort des Zusammentreffens wird.
In diesem Sinne wird die Wunde, vom dem Rumi spricht, nicht als Verletzung gelesen, sondern als Öffnung, an dem Licht eintritt und sich Bedeutung immer wieder neuformt.
Maße: 45m², Material: Floatglass (4mm)
Fotos: Julian Wenzel