»Spuren« von Maren Prokopowitsch
Die Installation von Maren Prokopowitsch besteht aus einer Reihe von Wandobjekten, die zunächst objets trouvés darstellen, aber nicht wegen ihrer charakteristischen Form ihr Interesse geweckt haben, sondern weil mit ihnen etwas vorgegangen ist, das sie – gesehen mit einem künstlerischen Blick – von Artefakten zu Kunstwerken werden lässt.
In den gewöhnlichen Obst- und Gemüsekisten einer abgelaufenen Ära – deren Firmenaufdrucke in ihrer Typografie eine vergangene Ästhetik zeigen – hat sich genau diese ins Land gegangene Zeit so manifestiert, dass sie unmittelbar greifbar wird. Nicht wegen zu erwartender Alterungs- oder Verformungsprozesse, sondern weil sich auf ihren Böden Veränderungsspuren abgezeichnet haben, die Fotogrammen gleichkommen: Bildern, die entstehen, wenn Gegenstände auf lichtempfindlichen Trägermaterialien einer Beleuchtungsquelle ausgesetzt und dann entfernt werden. Ein heller Negativschatten entsteht, umgeben von unspezifischer Dunkelheit – mit scharfen Kanten, wenn die Dinge glatt aufliegen, in weicheren Übergängen, wenn sie sich davon entfernen (man denke an die Schadographien von Christian Schad und die Rayographien von Man Ray). Im Falle des Kartons, der aus den organischen Stoffen Zellulose und Lignin besteht, ist dieses Material in sich licht- und hitzeempfindlich, so dass der chemische Zersetzungsprozess bei längerer Einwirkung von Tageslicht oder bei kürzerem Kontakt mit Wärme Verfärbungen verursacht.
Maren Prokopowitsch hat diese Bilder vorgefunden und erkannt, dass in ihnen eine künstlerische Symbolkraft steckt, die besonders dann zum Tragen kommt, wenn Form und Inhalt sich gegenseitig verstärken. Hier geschieht das, indem das Thema Zeit und Erinnerung in mehrfachen Schichten ineinandergreift und dadurch erlebbar wird. Zum einen gibt es den historischen Zeitpunkt des Anlasses – Dinge werden in Kisten gepackt, weil eine biografische Situation dies erfordert. Entweder man muss einen Ort verlassen und kann nicht alles mitnehmen, versucht, das nicht unmittelbar Notwendige irgendwo anders aufzubewahren. Vielleicht ist auch jemand verstorben und es ist noch nicht die Zeit gekommen, den Nachlass zu verteilen. Die Aufbewahrungsdauer wird zur Entstehungszeit des Kunstwerks und ist gleichermaßen auf der Werkebene relevant. Fragen entstehen, die sich um den Kontext der verlorenen Inhalte drehen: Was wurde in den Kisten aufbewahrt, welche Formumrisse deuten auf welche Gegenstände hin? Rechteckige Flächen lassen an Bücher und Dokumentenstapel denken, bei den gebogenen Linien und ausgefransten Konturen geraten wir Betrachtende ins Rätseln. Amorphe und rectanguläre Formen, harte und weiche Kanten erscheinen gemeinsam auf der Bildfläche, als hätte sie jemand so komponiert. (In der konsequenten Hängung an der Wand werden die Seitenwände und Ecken der Kisten zu Bilderrahmen.) Wann war der Ursprungsmoment, welche Veränderungsprozesse an welchem Ort liegen diesem Ereignis zu Grunde und wie lange Zeit ist tatsächlich vergangen? Einen nur ungefähren Hinweis geben die Aufdrucke der Obstkisten, die aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts stammen. Auch sie selbst sind in ihrem Vorleben, wo sie noch eine öffentliche Funktion innehatten, zu verschiedenen Lagerstätten transportiert worden, haben eine Bewegung durch Raum und Zeit gemacht, bevor man sie mit ihrer andersartigen, privaten Bestückung niedersetzte und einer längeren Verweildauer überließ.
Die Ergänzung der Installation durch die ausliegenden Buchseiten im Eingangsbereich weist noch tiefer in die Geschichte: Den Ausdrucken von Fotonegativen, die Menschen in städtischer oder ländlicher Umgebung zeigen, ist der Brief einer Frau von Ende 1945 beigeordnet, den sie an ihre im 2. Weltkrieg auseinandergerissene Familie schreibt. Spuren, die der Krieg hinterlassen hat, werden darin erwähnt, die in einem Brief nicht zu beschreiben seien.
Hinzu kommt die Eigentätigkeit der Ausstellungsbesuchenden und damit die Rezeptionszeit, die es braucht, die visuellen Phänomene zueinander in Bezug zu setzen, ihre Botschaften aus der Vergangenheit zu entschlüsseln und den unterschiedlichen Aspekten von Transformation nachzuspüren. Die Konfrontation mit den jetzt leeren Flächen fordert dazu auf, sie gedanklich zu füllen, den Negativschatten wieder in etwas Dingliches zurückzuverwandeln. Auch das Motiv des Film-Negativs ist ein Angebot, etwas zunächst schwer Erkennbares innerlich umzudrehen, bzw. die Wirklichkeit aus einer anderen Sicht zu betrachten. Die gewohnte Perspektive auf das, was da ist, weicht einem Blick auf das, was verloren ist, was die gewohnten Lebensverhältnisse auf den Kopf gestellt hat.
Die in der Betrachtung mitschwingende Unwiederbringlichkeit, der chemische Zersetzungsprozess und die genannten Umwandlungen machen die Objekte zu bildlichen Metaphern von Vergänglichkeit, die sich sowohl materiell als auch geistig äußert. Sie verweisen auf die Präsenz der Vergangenheit, derer wir im Bewusstsein nicht habhaft werden können, denn auch die Erinnerung verblasst, bis sie Leerstellen hinterlässt, die nicht zu rekonstruieren sind.
Text: Dr. Anette Naumann
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