Prof. Dr. Ursula Rogg ist Künstlerin und Pädagogin. Neben der Lehre forscht sie im transdisziplinären Feld.
Nach dem Studium der Freien Kunst und der Kunstpädagogik in München, Berlin und London war Rogg als Fotokünstlerin tätig. Ihre fotografischen Serien zeigen Menschen in Selbstinszenierungen und sind Zeugnisse eines anthropologischen und alltagskulturellen Interesses. Ausgestellt wurden die Fotografien u.a. im Witte de With Center for Contemporary Art / Kunstinstituut Melly, Rotterdam, auf der Taipei Biennale und in Einzelausstellungen im Münchner wie im Westfälischen Kunstverein in Münster. Intensive Beobachtung sowie die Vorliebe für Improvisation und künstlerische Zusammenarbeit rückten im Weiteren die performative Arbeit Roggs zunehmend in den Vordergrund. Rogg performt als Mitglied verschiedener Künstlerinnen (m/w/d)-Ensembles wie des Frauenkollektivs Dorothy Vallens oder, aktuell, im Vokalensemble Voice X. Sie verantwortet Performanceprojekte mit Jugendlichen und Studierenden, darunter Ein Museum der Gefühle am Bode Museum, Berlin, oder 4 in 1. Sprechende Arme, denkende Körper im Projektraum Lothringer 13 in München.
Ursula Rogg war Lehrerin für Kunst und Darstellendes Spiel an Schulen in sogenannten Brennpunkten Berlins. 2008 schrieb sie mit Nordneukölln. Frontbericht aus dem Klassenzimmer einen viel beachteten Erfahrungsbericht. Parallel dazu entstand die KontextSchule – ein Praxis- und Diskurslabor für Lehrerinnen und Künstlerinnen (m/w/d) an der UdK Berlin. In infrastrukturarmen Regionen Brandenburgs leitete Rogg 2013–18 ein Schulentwicklungsprojekt, in dem Community Work, Teamteaching, Storytelling und der Einsatz ästhetischer Handlungsweisen als fachübergreifendes Lernprinzip praktiziert und exploriert wurden. Rogg war 2019–21 Vertretungsprofessorin am Institut für künstlerische Lehrerinnen (m/w/d)-Bildung an der Universität Potsdam. Seit 2021 leitet sie als Professorin die Klasse für Kunstpädagogik im Quereinstieg an der AdBK München. Ursula Rogg ist seit 2024 Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Akademie der Bildenden Künste München und zertifiziert als Ersthelferin in psychischen Krisensituationen / MHFA.
Fragen an Ursula Rogg:
„Was ist Ihr Forschungsschwerpunkt?“
Das Feld betreten heißt das Feld verändern ist der Titel meiner Dissertation im PhD-Programm der Bauhaus-Universität Weimar. Darin setzte ich mich mit auditiven Dokumentationsverfahren in der Schulentwicklung auseinander. Einsatz, Spezifika und Wirkung dokumentarischer Verfahren sind nach wie vor ein Schwerpunkt meines Forschungsinteresses. Auch in der vom Land Berlin in Auftrag gegebenen Evaluation von Max, Artists in Residence an Berliner Schulen – einem Projekt, in dem Künstlerinnen (m/w/d) in Ateliers an Schulen tätig sind, die vom Berliner Senat gefördert werden, und zwar ohne an Lehrverpflichtungen gebunden zu sein – haben mein Team und ich mit auditiver Dokumentation und damit einer Vielzahl und Vielfalt von Quellen gearbeitet.
Besondere Aufmerksamkeit widme ich folgendem Sinnzusammenhang: die Tatsache, gehört und Teil einer größeren Geschichte zu werden, aktiviert offenbar die Veränderungsbereitschaft eines Systems, wie Schule es darstellt; es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen Narration und der Aktivierung von Menschen innerhalb dieses Systems.
Im Fokus der aktuellen Forschung steht das Wandern als ein Durchqueren von Räumen und relationales Handeln im Freien. Dessen Mitzeichnung, insbesondere in der Arbeit mit neurodiversen Lernenden, ist inspiriert von empirischen Beobachtungen sowie den Texten, Zeichnungen und Filmen des Psychiaters und Künstlers Fernand Deligny, der bereits in den 1960er Jahren mit autistischen Kindern auf Wanderschaft ging. Dabei interessiert mich die Verbindung von sozialer, psychologischer und künstlerischer Praxis, wenn man, wie ich es tue, die Erfindung, eine lernende Gruppe auf Wanderschaft zu begleiten und das als lebendige ‚Schule‘ zu praktizieren und dafür Darstellungsverfahren zu er/finden, eben auch als künstlerische Praxis versteht.
Weitere Forschungsinhalte sind derzeit die Formatierung von Lernsettings, die Lehre als performatives Geschehen, das Prinzip von Gastfreundschaft und Gabe in ihrer Bedeutung für die Lehrperson sowie historische Vorbilder Künstlerischen Forschens.
Welche Potenziale sehen Sie im Studiengang „Quereinstieg“ der AdBK München?
Künstlerinnen (m/w/d) haben die Fähigkeit, herausfordernde Intellektualität mit sinnlicher Konkretion zu verbinden – ein wesentlicher Teil menschlicher Existenz. Unser Interesse gilt Erfahrungen, in denen komplexes Denken, Körperwissen, Wissenschaft, Materialsprachen und emotionales Verstehen von gleichberechtigter Bedeutung sind. Wir zielen auf eine Bildung in Beziehung zur Natur, zu Umraum und zur Geschichte. Wir orientieren uns an der Eigenständigkeit, der Kreativität und den Interessen Einzelner, lernen aber von- und miteinander. So bereiten wir uns auf eine Welt rasanter Veränderungen und Verunsicherungen vor, die wir zusammen mit jungen Menschen bewältigen und gestalten werden.
2026
NEU: Ursula Rogg, Mirja Reuter, Notburga Karl (Hrsg.), Übergangsräume. Künstlerisch-edukative Praxis im Quereinstieg studieren. München: Kopaed Verlag, 2026
2025
Die eigene Lehre formatieren. In: Sara Hornäk und Annette Hasselbeck (Hrsg.), Orte Künstlerischer Bildungsprozesse. Kunstpädagogische Praxen an Kunstakademien. Oberhausen: Athena Verlag, 2025, S. 103–114
„… so würde mensch selber wach bleiben.“ Zeichnen als Aufführung, Dramaturgie des Unterrichtens. Ursula Rogg und Notburga Karl im Gespräch. In: ebd., S. 115–122
2024
Zwei Stimmen aus nicht entfernter Vergangenheit und von nicht entlegenen jedoch anderen Orten. In: Kunsttexte Sektion, 2, 2024, „Auditive Perspektiven“
2023
Über Menschen und andere Tiere: Die Trauerweidenliege. Materialien und relationale Subjekte. In: Korrespondenzen. Zeitschrift für Theaterpädagogik, 39. JG, Heft 83; Link
Der Esel war bissig. Ein geschichtlicher Reim auf den Akademie-Kindergarten. In: Auf Ergebnisse kommt es nicht an. Riso-Publikation der Klasse Kunstpädagogik im Quereinstieg / Artists Pedagogy; Link
2022
„Gestern haben wir Computer kaputt gemacht, da waren Landschaften drin“.
Ein kommentierter Evaluationsbericht von Max – Artists in Residence an Berliner Schulen (2021–2022) im Auftrag der Stiftung Brandenburger Tor, mit Textbeiträgen von Kirsten Winderlich und Merle Richter. Über QR-Codes sind die Texte interaktiv mit dem dazugehörigen Hörstück verbunden.
Soliloquio I, II. Libretto für drei Sprecherinnen. Ein Film von Heike Baranowsky, 2020/22. Kamera: Volker Gläser, Text: Ursula Rogg; Link
Die materielle Welt als Dialogpartner. In: Birgit Mandel (Hrsg.), In: Künstlerische Interventionen in der Kulturellen Bildung. Inhalte, Methoden und Reflexionen eines Curriculums für Künstler:innen. Hildesheim: Universitätsverlag, 2022, S. 519
2019
„die welt aber geht durch den filter der schreibweise“. In: Birgit Althans und Carla Meier (Hrsg.), Arenen transkultureller Bildung: Resonanzen / Interferenzen. In: Paragrana, Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Special Issue, Bd. 28, 2019. Heft 2
Töne, Stimmen, Klangaufnahmen als Material für dokumentarische Rekonstruktion und Veränderungsprozesse. In: Luise Nerlich und Andrea Dreyer (Hrsg.), Denkraum.Bauhaus. Aktualität der Bauhaus-Ideen für eine zeitgemäße Bildung, Weimar 2019
Die Stimmen von Vielen: Auditives Dokumentieren und Kulturelle Bildung in der Schulentwicklung. Essay auf kubi-online
2018
Das Feld betreten heißt das Feld verändern. Audiodokumentation als Prozessbegleitung und künstlerische Bildungsforschung (Monografie). München: kopaed Verlag, 2018, S. 260
Ursula Rogg setzt sich im Rahmen einer künstlerischen Feldforschung mit der Frage auseinander, inwieweit die Charakteristika auditiver Dokumentation geeignet sind, um schulische Entwicklungsprozesse aktivierend zu unterstützen. Dafür entwickelt sie einen Arbeitsbegriff zum Dokumentarischen, der die Teilnehmenden aktiv in den Dokumentationsprozess einbezieht. Zugleich legt sie mit Bezug auf künstlerische Forschungsmethoden dar, inwiefern Aktivierung und Nutzung vielfältiger Wissensformen in der Entwicklung und Reflexion gemeinschaftlicher Veränderungsprozesse wirksam gemacht werden können. Die Dissertation entstand im Rahmen des Ph.D.-Programms der Bauhaus-Universität Weimar.
3KulturSchulen, Bd. 2: Projekthandbuch
2014–2017 unternahmen drei Schulen im ländlichen Raum Brandenburgs den Versuch, Kulturpartnerinnen (m/d/w) aus der Region in die Gestaltung von Unterricht und Schulkultur einzubeziehen.
Ursula Rogg und das Landesinstitut für Schule und Medien Ludwigsfelde (Hrsg.), Beiträge und Materialien. Ludwigsfelde 2018, 126 S. pdf
2017
Kunst als Schulfach: Lernen, sich überraschen zu lassen. In: Universität der Künste Berlin, Zentrum für künstlerische Lehrkräftebildung (Hrsg.), Positionen und Perspektiven. Künstlerische Fächer in der Schule, S. 20–22
2016
Claudia Hummel und Ursula Rogg (Hrsg.), Fragen ans Curriculum. Berlin: Verlag der Universität der Künste Berlin, 2016, 196 S.
In Fragen ans Curriculum geht es um mögliche Antworten auf die Frage, wie die zeitgenössische künstlerische Wissensproduktion für den Kontext Schule produktiv gemacht werden kann. Die Texte des Buches resultieren aus einer Arbeitstagung, zu der die Initiatorinnen der KontextSchule im November 2013 in die Akademie der Künste, Berlin, nach vier Jahren gemeinsamer Arbeit zwischen Lehrer*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen eingeladen hatten. pdf
2014
Teilhaben oder Mehrgeben. Partizipation im System Schule. In: K. Bäßler, C. Eckert, C. Herring, S. Linke, L. Rohwedde (Hrsg.), Kooperationsprozessor – gemeinsam etwas bewegen. Essen, S. 182–190; Link
2011
Umzug einer Schule. In: Claudia Hummel (Hrsg.), Kontext Schule: Texte und Materialien zu einer Fortbildungsreihe für Künstler*innen und Lehrer*innen. UdK Berlin 2011, 88 S., S.49–65
Diese Publikation beinhaltet die Konzeption und die Dokumentation der KontextSchule und ihrer Formate in den Jahren 2009–2011. In der digitalen Version sowie in der gedruckten Auflage werden im Format von 11 x 16 cm Positionen, Arbeitsansätze und Inhalte der KontextSchule der Öffentlichkeit präsentiert. Ergänzt werden die Textbeiträge durch eine Fotostrecke von Ursula Rogg. pdf
2008
Nordneukölln. Frontbericht aus dem Klassenzimmer. München: Diederichs Verlag, 2008, 224 S.
„Ursula Rogg, Kunstlehrerin und Fotografin, beschreibt plastischer als es die Statistik kann, wie sich der Alltag an einer Schule in einem Problembezirk Berlins anfühlt. Das Buch liefert keine Schönfärberei, aber einen empathischen Blick auf andere Verhältnisse. Roggs Buch ist wahrlich nicht nur faszinierend, sondern auch lehrreich – sie gibt Einblicke und wirft Fragen auf. Sie beobachtet genau, einfühlsam und kann faszinierend beschreiben.“ Karl-Heinz Heinemann im Büchermarkt, Deutschlandfunk 2008
Will you please be quiet, please (der TV-Effekt). Kunstverein München, 1999. Mit einem Text von Dirk Snauwaert. ISBN 3-923357-12-5
Reanimation. Westfälischer Kunstverein, 2001. Mit einer Erzählung von Georg Klein
Ich und die Anderen. Ursula Blickle Stiftung, 1999. ISBN 3-930043-14-9
GREAT THEATRE OF THE WORLD. Taipei Biennial 2002
HAU / Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2005: Being Frances Farmer. Mit Dorothy Vallens
LCB Berlin, 2021
Kollabs / Stadtmuseum München 2023: Utopia would last 10 days. Splitter vom Ende der Spielstraße. Mit Thomas Tek Meier, Angelika Lepper
HKW Berlin 2023. Make kin not cars. Mit Erik Göngrich