Öffentliche Video-Diskussion
Datum & Uhrzeit: 2020-06-26 16:30

 

Wie durch ein Brennglas zeigen die gegenwärtigen Umstände der Pandemie, was zweifelsohne schon zuvor auf verschiedenste Art und Weise (kognitiv, emotional, gesundheitspolitisch, sozial, finanziell etc.) angelegt war: eine Gesellschaft in Überforderung. Wurde das Subjekt der Vergangenheit noch fremdbestimmt und durch ein „Außen“ diszipliniert, hat sich das Subjekt der Gegenwart oft genug solchen Anforderungen angepasst. Disziplinierung und Kontrolle finden von „Innen“ statt (Michel Foucault): Entgrenzte Arbeitsverhältnisse, in denen Flexibilität, ständige Erreichbarkeit und Selbstkontrolle vorausgesetzt werden, nicht mehr von 9 bis 5, sondern auf Projektbasis gearbeitet, Zeiterfassung in Vertrauensarbeitszeit und der Arbeitsplatz in ein Homeoffice verlagert wird, wirken sich zwar weiterhin auf das Subjekt der Gegenwart aus, da sie es noch immer von außen disziplinieren. Darüber hinaus vollzieht sich innerhalb vieler Arbeitsbereiche aber eine Selbstdisziplinierung qua Anpassung, Autonomisierung und Flexibilisierung, die einer Inkorporierung oben genannter, entgrenzender Anrufungen gleichkommt.

 

In der Leistungsgesellschaft steigern die Subjekte der Gegenwart als „Homo oeconomicus“ (Ulrich Bröckling) ihre eigene Leistungsfähigkeit. Arbeit wird zu einem Lebensprojekt, in welchem sich Arbeitszeit und Lebenszeit nicht nur überschneiden, sondern vereinen. So werden ehemals private Momente weiterhin als Optimierungszeit in Form von Sinnerfüllung und Auslastung der Lebenszeit genutzt. Die freie, leere Zeit kann, darf und muss mit Sinn erfüllt werden. Oft genug stellt sich statt Sinnerfüllung aber Erschöpfung, Indifferenz und Langeweile ein (Alain Ehrenberg). Die Hoffnung auf Optimierung  schlägt in eine enttäuschende Erfahrung der jeweiligen Grenzen des Selbst um. Welche Praktiken zu dieser vermeintlichen Enttäuschungsspirale führen und welche Folgen sich daraus ergeben können, soll in der Online-Diskussion gemeinsam mit Anja Röcke und Greta Wagner diskutiert werden.

 

Dr. Greta Wagner ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der TU Darmstadt. Zuvor arbeitete sie von 2017-2019 am Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” in Frankfurt am Main und forschte am Institute for Advanced Study in Princeton. 2017 veröffentlichte sie Selbstoptimierung. Praxis und Kritik von Neuroenhancement im Campus Verlag, 2013 erschien Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft in der edition Suhrkamp, das sie mitherausgegeben hat. 

 

Dr. Anja Röcke ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Habilitationsschrift erscheint 2021 bei Suhrkamp stv unter dem Titel Soziologie der Selbstoptimierung. Ihre Promotion schrieb sie am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, erschienen 2014 bei Palgrave Macmillan unter dem Titel Framing Citizen Participation. Participatory Budgeting in France, Germany and the United Kingdom. Gemeinsam mit Hans-Peter Müller ist sie Herausgeberin der Reihe Wirtschaft, Gesellschaft und Lebensführung bei Beltz Juventa.

 


 

Eine Ton- und Videoaufzeichnung der gesamten Diskussion ist geplant! 

 

Die Zugangsdaten für den Online-Raum werden nach kurzer Anmeldung per E-Mail an graefe@adbk.mhn.de versendet.